3. Sonntag nach Trinitatis

In dieser Woche lesen wir zwei bekannte Gleichnisse:

Predigttext: Lukas 15, 1-10

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? 5 Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. 10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Liebe Leserin, lieber Leser, wie ging es Ihnen und dir beim Lesen dieser beiden Gleichnisse? Dachten Sie auch, dachtest du auch: „Das ist doch typisch für Jesus: Er möchte seinen Gegnern, den besserwisserischen Schriftgelehrten vermitteln, dass Gott Sünder nicht verurteilt, sondern rettet.“
Beim ersten Lesen kann man schnell auf diese Idee kommen. Das ging mir als Jugendliche so.

Aber der Fokus dieser beiden Gleichnisse liegt nicht auf denjenigen, die durch Jesus Botschaft von Gottes kommendem Reich ihr Leben grundsätzlich überdenken und zum Besseren ändern und auf diese Weise Annahme durch Gott und einen Neuanfang erleben.  Es geht um die anderen, die den 99 rechtschaffenen Schafe gleichen, die immer treu auf ihren Hirten gehört haben. Es geht um uns, die diese Gleichnisse lesen und sich auf der moralisch „richtigen“ Seite wähnen: Es geht um unsere eigene Identität. Es ist eine typisch menschliche Denkweise, sich darüber zu definieren, was man selbst nicht ist: Eigentlich bin ich doch ein guter Mensch…

… denn im Gegensatz zu anderen kaufe ich fair gehandelte Produkte.
… denn im Gegensatz zu anderen fahre ich fast immer mit dem Fahrrad zur Arbeit.
… denn im Gegensatz zu anderen bin ich bei der Steuerklärung ehrlich.
… denn im Gegensatz zu anderen habe ich meinen Partner oder meine Partnerin noch nie betrogen - und so weiter.

Im Schutz einer Gruppe zum Beispiel beim Lästern im Kreis der Kolleg*innen fällt es leicht, sich über das Fehlverhalten derer zu erheben, die gerade nicht dabei sind. Auch in der Anonymität des Internets, in den sozialen Medien, werden Menschen immer wieder in ihren Profilen öffentlich an den Pranger gestellt, wenn sie eine unpassende oder sogar fragwürdige Meinung veröffentlicht haben. Das nennt man Shitstorm. Selten bekommen Menschen, die einem solchen Shitstorm ausgesetzt sind, konstruktive Kritik an ihren unbedachten Äußerungen. Sie werden als gesamte Person verurteilt. Statt: „Was du gesagt hast, ist verwerflich“ heißt es „Weil du das gesagt hast, bist du als gesamte Persönlichkeit verwerflich und verdienst es, ausgegrenzt zu werden.“ Wenn sich eine Person entschuldigt, die öffentlich an den Pranger gestellt wurde, wird diese Entschuldigung meist kritisch beäugt und ihre Aufrichtigkeit in Frage gestellt. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit Meinungen oder Ausdrucksweisen werden Menschen ins Abseits gestellt.

Indem Jesus diese beiden Gleichnisse erzählt, macht er auf die Perspektive Gottes aufmerksam. Der Hirte freut sich mit Nachbarn und Freunden über das gerettete hundertste Schaf und die Frau feiert ihren wiedergefundenen Silbergroschen ebenfalls mit Freundinnen und Nachbarinnen.  Aus der Sicht von Jesus können wir zu Freundinnen und Freunden Gottes werden, die sich über Freude an der Gemeinschaft und das aufrichtige Mitfreuen definieren, wenn ein Mensch einen Fehler zugibt und sein Verhalten aus grundsätzlicher Überzeugung ändert.
Der Hirte und die Frau aus den Gleichnissen stehen für diese liebevolle Eigenschaft Gottes, Menschen mit offenen Armen zu empfangen, die ihr Leben neu auf ihn ausrichten und Verhaltensweisen und Denkmuster ablegen, die sie von sich selbst, ihren Mitmenschen und ihm entfremdet haben.

In der kommenden Woche werde ich versuchen diese liebevolle Sichtweise Gottes auf Menschen zu üben. Machen Sie auch mit?

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

1. Sonntag nach Trinitatis

Den Bibeltext für diesen Sonntag kennen viele Kinder aus dem Kindergarten oder der Vorlesebibel. Ein richtiger Klassiker: Die Geschichte von Jona und dem großen Fisch. Der Fisch wird in den Bilderbüchern meistens als Wal darstellt. Und entsprechend werden die meisten Kinder von „Jona und dem Wal“ hören. Eine spannende und durchaus tiefsinnige Geschichte, bei der bereits den Kleinen deutlich wird, dass hier um mehr geht als um einen Tatsachenbericht, dass hier etwas allgemein Menschliches in einer lebhaften bildhaften Geschichte vermittelt wird.

Es geht um Verantwortung, Überforderung, Flucht, Verdrängung, Stillstand, Wandlung und einen Neuanfang. Vielleicht liest oder hörst du diesen alten vertrauten Text ganz neu, wenn du dich auf seine Stimmungslage einlässt. Ein Vorschlag zum Umgang mit diesem Text: Wer mag, kann ihn sich ausdrucken und mit farbigen Stiften die verschiedenen Gefühle und Stimmungslagen im Text markieren (zum Beispiel gelb für Freude, blau für Kummer, rot für Wut, violett für Angst, grün für Ekel):

Jona 1,1 – 2,1f.+9

Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom HERRN. Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist. Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an.  Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir’s gefällt.  Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten.  Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.

Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches

(…)

Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen an die Grenzen ihrer seelischen Kraft kommen und in eine Krise geraten. Und ich finde es sehr gut, dass dieses Thema der psychischen Krise oder Erkrankung nicht mehr so tabuisiert ist wie noch vor wenigen Jahren. Dennoch empfinden viele Menschen, die eine solche psychische Krise  geraten sind, Scham und Angst vor einem offenen Umgang damit und meinen, dass diesein Zeichen von Schwäche wäre.
Die Geschichte von Jona zeigt uns, dass es zu unserem Menschsein dazu gehört, solche Grenzerfahrungen zu machen, uns einzugestehen, dass wir alleine nicht weiterkommen, und Hilfe anzunehmen.

Jona ist ein Prophet, er kann die Stimme Gottes hören. Er hat sich das nicht ausgesucht. Es ist eine Gabe. Jona hat ein feines Gespür dafür, was Gott von ihm möchte und er trägt auch ein Gewissen in sich, das ihm sagt, dass die Stadt Ninive für großes Unrecht steht. In der Zeit, in der die Geschichte von Jona niedergeschrieben wurde, war Ninive (eine bedeutende Stadt im Reich der Assyrer) das Symbol für unmoralisches, bösartiges Verhalten von Menschen. Für alle, die diese Geschichte hörten, war sofort klar, dass Jona etwas Gutes und Richtiges tut, wenn er den Menschen in Ninive Gottes Gericht ankündigt.

Es liegt also eigentlich völlig offen, was zu tun ist. Auch Jona weiß das. Doch als ihn der Auftrag Gottes ereilt, zieht sich sein Brustkorb zusammen, die Füße kribbeln, er bekommt Atemnot und Herzrasen. Und als er sich gefangen hat, rafft er das Nötigste zusammen, um auf einem Schiff nach Tarsis anzuheuern. Wo Tarsis genau zu lokalisieren ist, weiß man heute nicht mehr, es gilt als Synonym für „ganz weit weg im Westen“ und liegt in entgegengesetzer Richtung zu Ninive, das im Osten, im Gebiet von Mossul im heutigen Irak lag.

Jona hat solche Angst vor der Konfrontation mit den Menschen aus Ninive, dass er versucht vor Gott und der Stimme seines Gewissens zu fliehen. Er verschwindet in den Tiefen des Schiffes, fällt in einen erschöpften Schlaf, um diesem Gefühl der inneren Zerrissenheit zu entfliehen. Am liebsten würde er gar nichts mehr fühlen, er will seine Ruhe haben, alles ist zu viel.
Mitten im lebensbedrohlichen Sturm wird Jona wachgerüttelt.

Die Mitreisenden, alles Menschen, die an andere Gottheiten als Jona glauben, machen es sich nicht leicht. Ohne zu zögern haben sie die kostbare Ladung über Bord geworfen. Auch das Leben dieses merkwürdigen Fremden wollten sie nicht leichtfertig opfern. Sie suchen nicht einfach einen Sündenbock. Sie fragen Jona selbst danach, was nun zu tun sei. Jona gibt zu, dass dieser gefährliche Sturm auf einen Konflikt zwischen ihm und seinem Gott zurückgeht. Er hat offenkundig große Schuldgefühle. Doch die andersgläubigen Schiffsleute wollen ihn trotzdem nicht einfach so dem Tod Preis geben, sie ringen um sein Leben und lassen ihn erst dann ins Wasser fallen, als es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Ihr Verhalten erinnert mich an Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, die manchmal auch ihren geliebten Menschen fallen lassen müssen, bis dieser sich selbst dazu durchringt, Hilfe anzunehmen.

Jona taucht ins Meer ein, der Sturm wird augenblicklich von Gott zum Schweigen gebracht. Jona sinkt in das Wasser, aber er versinkt nicht. Stattdessen wird er von Gottes Fisch oderWal verschluckt und bleibt in dem engen dunklen Raum, dem Magen des Tieres, drei Tage geborgen, wie in einem Kokon – oder im Mutterleib. Jona findet dort endlich zur Ruhe, erzählt Gott von seiner Schuld, erfährt Vergebung und Rettung. Er singt ein langes Loblied, einen Psalm zu Ehren seines rettenden Gottes und als es ihm wieder besser geht, wird er vom Fisch zurück ins Leben an Land gespuckt.

Es ist keine Schwäche zu zeigen, dass man Hilfe braucht und einen sicheren Rückzugsort, um von seinen seelischen Verletzungen zu genesen. Der Glaube und die Beziehung zu Gott, aber vor allem auch professionelle Unterstützung in therapeutischer Form können so eine Quelle der Kraft und Heilung sein.

Jona zeigt uns, dass es nicht schlimm ist, falsche Entscheidungen zu treffen oder Schuld zu empfinden, wenn man sich nicht traut, das Richtige zu tun. Es gibt für uns einen Ausweg aus scheinbar rettungslosen Lagen, wir können den Lauf der Dinge unterbrechen, eine Auszeit nehmen, und wir könnenHilfe von außen annehmen.
Danach können wir neu anfangen, Gott steht dabei an unserer Seite.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Rogate

Der Text für den kommenden Sonntag ist noch nicht so bekannt, da er nicht in jeder Bibelausgabe zu finden ist. Er stammt aus den sogenannten Apokryphen oder Spätschriften des Alten Testaments, die Martin Luther als „äußerst nützlich“ empfand, sie aber nicht zum Kanon der biblischen Bücher hinzu zählte, sowie es in der katholischen Tradition üblich ist. Jesus Sirach war ein Weisheitslehrer, ausgebildet in den heiligen Schriften des Alten Testaments, der ungefähr 180/190 v. Chr. seine Gedanken zu einem guten Leben aufschrieb, das sich seiner Ansicht nach in der Gottesfurcht begründet.

Jesus Sirach 35,16–22a
16 Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. 17 Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. 18 Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, 19 und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? 20 Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. 21 Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt 22 und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Für eine der wichtigsten Gaben unseres Glaubens bin ich sehr dankbar: Für die Möglichkeit mit Gott zu sprechen, sich ihm in allen Lebenslagen anzuvertrauen. Für Außenstehende mag das merkwürdig anmuten, dass wir als gläubige Menschen im Gebet mit Gott kommunizieren, wie jene das vielleicht mit einem vertrauenswürdigen Freund oder einem Familienmitglied tun würden.

Darum macht es mir so viel Freude mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam zu beten oder mit ihnen über Gebetsrituale zu sprechen. Sie sind unbefangen und interessiert und meistens trauen sie Gott eine Menge zu. Ebenso sprechen sie offen an, was am Beten vielleicht schwierig sein könnte: z.B., dass Gott nicht wie ein Mensch auf unsere Gebete antwortet und dass seine Antwort manchmal schwer zu verstehen ist oder lange auf sich warten lässt.
Welche Erfahrungen machen Sie/ machst du mit dem Beten?
Gibt es da Rituale oder wiederkehrende Gebetssituationen? Oder sind das eher spontane Gebete?
Fühlst du dich nach einem Gebet getragen? Kommt Gott dir näher? Oder lässt er mit der Antwort auf sich warten? Was macht Ihnen das Beten schwer?

Weisheitslehrer Jesus Sirach unterweist uns heute in einer kleinen Schule des Gebets. Er macht das auf poetische Weise und benutzt ansprechende Bilder.
Als erstes macht er deutlich, dass die Menschen, die arm und machtlos sind, Gott besonders am Herzen liegen. Diese Sichtweise auf Gott kennen wir schon aus den Psalmen, und auch Jesus beschreibt uns seinen himmlischen Vater auf diese Weise.
Ausführlich beschreibt Jesus Sirach das Klagen der verzweifelten Witwe und wie ihr die Tränen die Wangen herabströmen. Wir sehen es vor uns. Und Jesus Sirach zeigt uns: So genau sieht Gott hin, dass er ihre Tränen fließen sieht.

Als nächstes zeigt Jesus Sirach uns in seiner kleinen Unterweisung, was für Eigenschaften wir benötigen, damit unser Gebet zu Gott vordringt.
Das Gebet soll schließlich die Wolken durchdringen, die Nebel und das Düstere sollen sich lichten, wir betenden Menschen erhoffen schließlich etwas von Gott. Wir wollen Hoffnung spüren, die Sonne sehen, neues Leben, Gottes Kraft und Licht.

Demut, Ausdauer und Gerechtigkeitssinn sind drei wichtige Eigenschaften, die uns dabei helfen können. Es könnte eine geistliche Übung für die kommenden Tage sein, dass wir uns fragen: Sind meine Gebete von Demut, Ausdauer und Gerechtigkeitssinn geprägt?

Demut: Haben meine Gebete etwas Forderndes? Möchte ich zum Beispiel, dass Gott auf eine ganz bestimmte Weise in meinem Leben handelt? Oder denke ich mit einer gewissen Demut an die Bitte im Unser-Vater: „Dein Wille geschehe!“

Ausdauer: Wir leben in einer Zeit, in der wir gewohnt sind, unserer Bedürfnisse möglichst schnell befriedigen zu können. Wie steht es mit unserer Geduld und Ausdauer, unserem Durchhaltewillen und unserer Hartnäckigkeit? Offenbar mutet Gott uns zu, dass wir unsere Bitten und Gebete beharrlich und immer neu an ihn richten. Unsere Beziehung zu Gott wird mit jedem Gebet vertieft, unser Vertrauen mit jeder Bitte herausgefordert, unser Flehen mit jeder Klage ernster und ehrlicher. Über ein solches Abarbeiten und auch ein gewisses Kämpfen mit Gott kann die Gottesbeziehung wachsen und vielschichtiger werden.

Gerechtigkeitssinn: Gott ist ein gerechter Gott. Immer wieder wird Gott in der Bibel auf diese Weise beschrieben. Wenn in unseren Gedanken und Gebeten, unseren Absichten und Beweggründen noch Ungerechtigkeit, Neid und Hass mitschwingt, wird Gott uns läutern, erneuern und prüfen wollen. Gott wird sich von uns zu keiner Ungerechtigkeit bewegen lassen, daher stellt jedes Gebet und jede Frage an die Adresse von Gott mir die Frage: Ist deine Absicht ehrlich und gut, sind deine Ziele im Sinne der Kraft des kommenden Reiches Gottes? Ist dein Gebet auf die Beziehung zu Gott ausgerichtet? Ist es eine Sache zwischen dir und Gott? Oder denkst du noch über andere Menschen nach, die dich vielleicht ärgern?

Ich habe zu Beginn von einer Schule des Gebets gesprochen, in welche Jesus Sirach uns einführt. Er führt uns zunächst ganz hinunter in die Nöte und Ängste der Außenseiterinnen und Machtlosen und auch in die Dunkelheit unserer eigenen Kämpfe. Dort hören wir Gottes Zusage: Er hört unser Flehen und sieht unsere Tränen. Wir werden ermutigt, unsere Gebete „zu den Wolken“ aufsteigen zu lassen. Tun wir dies in Demut, mit Ausdauer und Gerechtigkeitssinn, werden unsere Gebete die Wolken durchdringen. Und wir werden etwas von der Freiheit und Unbeschwertheit erleben, die wir für unser Leben ersehnen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Kantate

Immer wieder spreche ich mit Menschen, die sich unseren Kirchengemeinden verbunden fühlen darüber, wie sehr uns das gemeinsame Singen im Gottesdienst fehlt. In der Adventszeit haben wir uns zum Abstandssingen mit Maske getroffen, bis wir aufgrund der steigenden Inzidenzzahlen wieder darauf verzichten mussten. Hier und da haben wir unter unseren Masken gesummt. Am Ostersonntag bei der Auferstehungsandacht war das sehr erhebend und tröstlich. In manchen Gemeinden in unserer Umgebung gibt es einen Vorsänger oder eine Vorsängerin, stellvertretend für den Gemeindegesang. Doch auch das ist nicht das Gleiche. Wir werden wohl noch eine Weile nach der Kraft des gemeinsamen Singens sehnen müssen, so wie wir uns nach vielem sehnen, was mit Gemeinschaft zu tun hat, was uns diese Pandemie genommen hat oder nur unter starken Einschränkungen ermöglicht. Man hört immer wieder: „Lasst uns nicht jammern, wir sind ja gesund, wir haben unsre Familie, den Garten, den Wald …!“ Aber ich glaube, viele Menschen kommen momentan an ihre Grenzen, da immer noch nicht absehbar ist, wie lange dieser Ausnahmezustand anhalten wird.
In unserem Predigttext befindet sich Jesus mitten im Geschehen von etwas, dessen Ausmaß und Tragweite alle um ihn herum zu diesem Zeitpunkt noch nicht einschätzen können. Wir werden zurückgeführt, in die Zeit vor Ostern, zum Palmsonntag mitten in den Trubel des Einzugs Jesu nach Jerusalem:

Lukas 19, 37-40
37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Diese Szene wird nur im Lukasevangelium erzählt. Die Pharisäer, die ja stets als die Gegner von Jesus dargestellt werden und ihn dafür kritisieren, dass er sich nicht an die Regeln der heiligen Schriften hält, stellen sich auf seine Seite. Er und vor allem seine lauthals singenden Anhängerinnen und Freunde sollen nicht so viel Lärm machen, um nicht den Unmut der römischen Besatzungsmacht auf sich zu ziehen. Doch Jesus widerspricht diesem gutgemeinten Ratschlag entschieden: Nein. Sie sollen weiter singen. Vom Frieden Gottes und von seiner Herrlichkeit. Alle sollen es hören. Denn, so folgert Jesus, wenn man sie zum Schweigen brächte, – so wie es einige Tage später am Karfreitag ja dann auch wirklich kommt, – so werden die Steine schreien!
Jesus scheint ja im Gegensatz zu seinen Freundinnen und Freunden eine Ahnung zu haben, was auf ihn zukommt. Ob er genaueres wusste? Wer ihn verraten, wer ihn verleugnen würde unter den jetzt laut Jubelnden? Jesus ist mitten im Geschehen. Es lässt sich nicht mehr aufhalten und er selbst hat keine Macht darüber. Vielleicht spürt Jesus auch, dass auch seinen Leuten, den Juden, ein schweres Schicksal bevorsteht. Der Schrei der Steine ist eine eindeutige Anspielung des Evangelisten Lukas,die die Menschen seiner Zeit verstanden. Diese wussten, dass die Römer im Jahr 70 die Stadt Jerusalem erobern und den Tempel, das wichtigste jüdische Heiligtum für immer zerstören würden.
Wahrheiten und starke Gefühle lassen sich nur schwer unterdrücken. Sie brechen irgendwann hervor, bringen sogar Steine zum Schreien, wenn es sein muss.
Als andemiegeplagte und andemiemüde Menschen benötigen wir beides: Einerseits die Möglichkeit, unserem Frust Gehör zu verschaffen, sei es durch Klagen, sei es durch Motzen, sei es durch Schreien.
Niemand hat das Recht unsere eigene persönliche Belastungsgrenze zu definieren, außer wir selbst!
Andererseits benötigen wir dringend Trost, Aufmunterung, Hoffnung.
Für viele von uns geht das besonders gut mit Musik, manchmal auch mit Gesang.
Darum lasst unsMusik hören oder machen, egal ob weltlich oder kirchlich. Es muss zur Stimmung passen. Erheiternd oder tröstend, kraftvoll oder wütend!
Tanzt und singt im Wohnzimmer! Das geht auch mit Kopfhörern, wenn das Kind schläft oder die Nachbarn Ruhe benötigen.
Mein Mann hat in diesem Jahr seit Ewigkeiten ein „Mixtape“ gemacht, er hat eine CD mit den besten Liedern gegen den Lockdown-Blues zusammengestellt und jedem unserer Freunde ein Exemplar zugeschickt.  Daraus haben sich viele lange Telefonate und Videoanrufe ergeben. Es gab viel gemeinsame Freude über die tolle Musik und natürlich auch gemeinsame Klagen über die Situation.
Jetzt hören wir alle die gleichen Songs in unseren Wohnzimmern. Nicht gemeinsam und doch verbunden. Rolling Stones statt schreiende Steine.
Vielleicht hast du jetzt auch eine Idee, wie du mit Musik eine Verbindung zu deinen Lieblingsmenschen schaffen kannst. Vielleicht ist Ihnen eine Idee gekommen, wie Sie mit Musik ihrem Lockdown-Blues entgegen treten können?
Ich wünsche uns allen in diesen Tagen, dass Gott uns auf die eine oder andere Weise berühren möge, sei es durch Musik oder durch andere tröstliche Momente.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Jubilate

Am kommenden Sonntag Jubilate geht es im Gottesdienst um die Schöpfungsmacht und -kraft Gottes, die sich immer wieder neu zeigt. Im Frühlingswetter und dem Erblühen der Natur, aber auch in Neuanfängen und neuen Perspektiven im Denken und Handeln. Unser Predigttext führt uns in so eine Ursituation.
Paulus ist auf seiner Missionsreise bis nach Athen gekommen, eine Metropole, die in der Antike als innovativ und führend galt, in Bezug auf Kultur, philosophische Strömungen und ein vielfältiges Miteinander verschiedener Religionen und Weltanschauungen. Paulus tritt nun mutig wie auf eine Bühne. Er hat sich dafür einen ganz besonderen Ort ausgesucht, den Areopag: ein nordwestlich der Akropolis gelegener, 115 Meter hoher Felsen mitten in Athen. Dort tagte auch regelmäßig der oberste Rat, der gleichfalls „Areopag“ genannt wurde.

Lukas 17, 22- 34 Basisbibel: In Athen: Paulus spricht auf dem Areopag

22Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte:» Ihr Bürger von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromme Leute.23Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: ›Für einen unbekannten Gott‹. Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. 24Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist. Er ist der Herr über Himmel und Erde. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden.25Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden. Er ist es doch, der uns allen das Leben, den Atem und alles andere schenkt.26Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll.27Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen –ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern.28Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein. Oder wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ›Wir sind sogar von seiner Art.‹29Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen: Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Bildern aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft.30Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern.31Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten. Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen –durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.«32Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, lachten ihn einige seiner Zuhörer aus. Aber andere sagten: »Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören!«33So verließ Paulus die Versammlung.34Einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben. Unter ihnen war Dionysius, der dem Areopag angehörte, eine Frau namens Damaris und noch einige andere.

Ich glaube, auch heute bekäme man von Menschen, die nicht besonders fromm aber der Kirche nicht abgeneigt sind zu hören: „Das ist ja schön gesagt! So ist Gott für mich auch da!“
Als Paulus dann in der zweiten Hälfte seiner Ansprache auf das Gericht Gottes zu sprechen kommt, in dem Christus, der Auferstandene, als gerechter Richter auftritt, ist die Reaktion der Zuhörenden schon etwas verhaltener: Während die einen ihn lauthals auslachen, reagieren die anderen mit höflicher Vertröstung: »Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören!«   Einer, der von den Toten auferstanden ist, im Zentrum dieses doch ansonsten recht ansprechenden Glaubens, nein, das ist einfach zu verrückt!
Auch diese Reaktion kann ich mir in der heutigen Zeit genau so vorstellen.
Übrig bleibt dann eine kleine Gruppe Menschen, die sich angesprochen fühlen, die mehr wissen wollen und die schließlich nach und nach in den Glauben hineinwachsen.

Wer sind die Menschen hier in unserem Dorf? Was bewegt sie? Was sind ihre Lebensfragen und wonach sehnen sie sich? Man unterstellt den Menschen hier in der Region Südniedersachsen, sie seien nicht besonders fromm und nicht kirchlich interessiert.
Der Meinung bin ich nicht, ich glaube, dass auch hier in Eddigehausen Menschen leben, die an einer christlichen Gemeinschaft vor Ort Interesse haben, aber bei uns nicht so recht Fuß fassen konnten. Lasst uns herausfinden, was sie brauchen und wie wir für sie da sein können.
Viele Menschen gerade auch im individualistisch geprägten Eddigehausen haben durchaus Interesse an sinnstiftenden Botschaften, an Werten und haben auch religiöse Fragen und Bedürfnisse, die sie aber vielleicht nicht in die gleichen Worte fassen können, die Bibel oder Predigttext vorgeben; oder sie kämen gar nicht mehr auf die Idee, uns als ihre Kirchengemeinde vor Ort darauf anzusprechen. Wie können wir ihnen einen freien vertrauensvollen Raum bieten, wo man sich mit solchen unausgesprochenen Fragen und erst einmal schwer greifbaren Bedürfnissen nach Vertrauen, Verbindlichkeit und Zuspruch öffnen kann? Was vermissen Sie in unserer Gemeinde? Hast du Ideen? Was möchtest du hier vorfinden? Wonach sehnst du dich? Lasst uns gemeinsam danach suchen und neu starten!

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Misericordias Domini

wenn ich Sie jetzt nach einem typischen biblischen Tier fragen würde, was wäre die Antwort: Esel? Fast. Schaf? Richtig!
Schafe kommen in der Bibel häufig vor, weil sie nicht nur der Lebenswelt der Entstehungszeit der Bibel entsprechen, sondern auch weil sie in Verbindung mit ihrem Hirten zu einem der wichtigsten sprachlichen Bilder gehören.
Du wirst jetzt wahrscheinlich an den berühmten 23. Psalm denken oder an das Gleichnis vom verlorenen Schaf, einem Gleichnis von Jesus, das bei den Kindergartenkindern besonders beliebt ist.

Im Bibeltext für den kommenden Sonntag wird das beliebte Motiv von den Schafen und ihren Hirten auch aufgegriffen. Der Text ist aber noch nicht so bekannt:

 Hes 34,1–2.10–16.31), Basisbibel

341Das Wort des Herrn kam zu mir:2Du Mensch, rede als Prophet zu den Hirten von Israel. Ja, rede als Prophet und sag zu ihnen, den Hirten: So spricht Gott, der Herr! Ihr Hirten von Israel, ihr weidet euch ja selbst. Weiden Hirten sonst nicht die Schafe?
10So spricht Gott, der Herr! Ich gehe gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe von ihnen zurück. Ich sorge dafür, dass sie nie wieder Schafe weiden. Auch sich selbst werden die Hirten nicht mehr weiden. Ich befreie meine Schafe aus ihrem Rachen. Sie werden ihnen nicht mehr als Nahrung dienen.

Gott sorgt selbst für seine Schafe

11Ja, so spricht Gott, der Herr: Seht her, ich werde meine Schafe suchen und mich selbst um sie kümmern.12Ich mache es genauso wie ein guter Hirte, wenn seine Schafe sich eines Tages zerstreuen. Ja, so werde ich mich um meine Schafe kümmern. Ich rette sie von allen Orten, an die sie zerstreut waren –an dem Tag, der voll finsterer Wolken sein wird.13Ich führe sie weg von den Völkern und sammle sie aus den Ländern. Ich bringe sie zurück in ihr eigenes Land. Ich werde sie auf den Bergen und Tälern Israels weiden, an allen Weideplätzen des Landes.14Ihr Weideland wird auf den hohen Bergen Israels liegen. Ja, ich lasse sie dort auf gutem Weideland lagern. Auf den Bergen Israels finden sie eine grüne Weide.15Ich weide meine Schafe und ich lasse sie lagern.– So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn.
16Verirrte suche ich und Verstreute sammle ich wieder ein. Verletzte verbinde ich und Kranke mache ich stark. Fette und Starke aber vernichte ich. Ich weide sie nach Recht und Gesetz.
31Ihr seid meine Herde! Ihr Menschen, ihr seid die Herde auf meiner Weide, und ich bin euer Gott! – So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn

Der gute Hirte als eine Führungsperson, die angemessen und gerecht handelt. Darum geht es Hesekiel.
Hesekiel versuchte selbst ein solcher Hirte für das Volk Israel zu sein, einer, der sich kümmerte. Und das hatte das Volk dringend nötig. Im Jahr 587 vor Christus waren die Menschen in die Verbannung nach Babylon geführt worden. Hesekiel war bei diesen Exilierten. Er hatte sich mit auf diesen Weg gemacht und wusste also, was das heißt: Verschleppt sein, alles verloren haben, keine Hoffnung mehr haben, auch weit weg vom Tempel in Jerusalem sein, dem Ort der Gottesbeziehung. Hesekiel wusste, was es heißt, keinen Hirten zu haben, niemanden, der sich kümmert. Dort in Babylon wird er zum Propheten berufen, auch als Priester hat er gewirkt. Als Hirte – Pastor/Pastorin heißt übersetzt ja auch Hirte/Hirtin. Er hat sich auf diese Weise nicht nur um die Menschen gekümmert, die ihm anvertraut waren. Sondern er hat auch gezeigt: Wir können hier in der Fremde, weit weg vom Tempel, Gott verehren. Und: Gott ist auch hier in der Fremde für uns da. Gott selbst ist unser guter Hirte. Hesekiel spricht diese Worte nicht von sich aus, sondern verkündet als Prophet Gottes Wort, Worte also, die ihm von Gott gegeben sind. Keine einfache Aufgabe, einen solchen Auftrag anzunehmen –  und so weiterzugeben, dass die Menschen ihn auch hören wollen. Und nicht ablehnend reagieren: „Ach, hör auf Hesekiel, lass uns in Ruhe. Wo ist denn nun Dein Gott, wenn uns das alles hier zugemutet wird?“

Für die Menschen aus dem Volk Israel war es eine Zumutung in der Verbannung in der Fremde zu leben. Sie hatten dennoch die Möglichkeit, ihren Mut zu bewahren. Sie haben an ihrem Gott, der sie wie ein guter Hirte zusammengehalten hat, festgehalten. Ihr Glaube wurde zur Heimat. Auf diese Weise konnten sie die schwere Zeit überstehen.

Diese Situation der Menschen im Exil ist weit weg von unserem Alltag. Aber was sicher nahe liegt, wenn wir diesen Text hören oder lesen, ist das Gefühl der Ausgrenzung bzw. Isolation und die Sehnsucht nach der Zuwendung Gottes, der als guter Hirte für Gerechtigkeit sorgt und sich liebevoll um seine (menschliche) Herde kümmert. Schon vor der Pandemie war es eine Herausforderung, als Christenmensch so ein anheimelndes Herdengefühl in der eigenen Gemeinde zu finden. Klar, wir freuen uns über unsere treuen Kirchgänger*innen und die Menschen, die noch auf die eine oder andere Weise zu unserer Gemeinde halten. Aber wenn wir ehrlich sind, spüren wir deutlich, dass wir eine kleine Herde geworden sind und die Wärme und die Nähe, die eine größere Herde zu versprechen scheint, vermissen wir manchmal schon, oder? Wie siehst du das? Was ist Ihr Empfinden, angesichts dieser Entwicklung? Als Pastorin bin ich immer noch gerne „Hirtin“. Aber ohne Herde? Wobei ich zudem noch fest davon ausgehe, dass wir Menschen in einer Gemeinde, die sich als echte Gemeinschaft versteht, auch gegenseitig zu Hirtinnen und Hirten werden. Ich träume nach wie vor davon, dass so etwas auch in diesen Zeiten möglich ist, insbesondere in einer Zukunft nach der Coronakrise. Allerdings wird vieles anders, als wir Kirchenmenschen das jetzt kennen oder uns vorstellen können -mit und ohne Corona. Das finde ich, ehrlich gesagt, auch ziemlich spannend und ich würde mich freuen, wenn du dabei bist, wenn Sie sich dann mit auf den Weg machen, um gemeinsam heraus zu finden, in welchen Formen und Formationen sich die Herde Gottes zusammenfinden wird. Und so höre ich die alte Prophezeiung des Hesekiel für mich ganz neu: Gott selbst wird sich seiner Herde annehmen. Darauf vertraue ich. Darüber freue ich mich. Das erwarte ich und da gehöre ich hin.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Quasimodogeniti

nur eine Woche sind Karfreitag und Ostern her. Die große Botschaft der Auferstehung und der Wende zum Leben, klingt sie noch in den Ohren? Oder hat uns der Alltag mit seinen Routinen und Sorgen schon wieder?
Den Jüngern von Jesus scheint es ganz ähnlich zu gehen, zwar wissen sie von Christus, dem Auferstandenen. Einigen unter ihnen, auch den Frauen, die mit Jesus verbunden waren, ist er schon erschienen. Doch diese Begegnungen scheinen sich auf das tägliche Leben nicht auszuwirken.
Die Jünger sind jedenfalls wieder in ihren alten Lebensentwürfen angekommen. Anstelle mit Jesus umher zu ziehen und über Neuanfänge und die Lebenskraft des Reiches Gottes zu predigen, flicken sie ihre alten Netze und arbeiten wieder als Fischer:

Jesus zeigt sich sieben Jüngern am See von Tiberias (Johannes 21), Basisbibel

1Später zeigte sich Jesus seinen Jüngern noch einmal. Das war am See von Tiberias und geschah so:2Es waren dort beieinander: Simon Petrus, Thomas, der Didymus genannt wird, Natanael aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger.3Simon Petrus sagte zu den anderen: »Ich gehe fischen!« Sie antworteten: »Wir kommen mit.«Sie gingen zum See und stiegen ins Boot. Aber in jener Nacht fingen sie nichts. 4Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war.5Jesus fragte sie: »Meine Kinder, habt ihr nicht etwas Fisch zu essen«? Sie antworteten: »Nein!«6Da sagte er zu ihnen: » Werft das Netz an der rechten Bootsseite aus. Dann werdet ihr etwas fangen!« Sie warfen das Netz aus. Aber dann konnten sie es nicht wieder einholen, so voll war es mit Fischen.7Der Jünger, den Jesus besonders liebte, sagte zu Petrus: »Es ist der Herr!« Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, zog er sich seinen Mantel über und band ihn hoch. Er war nämlich nackt. Dann warf er sich ins Wasser.8Die anderen Jünger folgten im Bootend und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Sie waren nicht mehr weit vom Ufer entfernt, nur etwa 100 Meter.9Als sie an Land kamen, sahen sie dort ein Kohlenfeuer brennen. Darauf brieten Fische, und Brot lag dabei.10Jesus sagte zu ihnen: »Bringt ein paar von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.«11Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land, und es war voll mit großen Fischen – genau 153 Stück. Und das Netz zerriss nicht, obwohl es so viele waren.12Da sagte Jesus zu ihnen: »Kommt und esst!« Keiner der Jünger wagte es, ihn zu fragen: »Wer bist du?« Sie wussten doch, dass es der Herr war.13Jesus trat zu ihnen, nahm das Brot und gab ihnen davon. Genauso machte er es mit dem Fisch.14Das war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern zeigte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Wunde Finger und Fischgeruch, bleierne Müdigkeit und ein leerer Magen. Die Jünger kommen frühmorgens erfolglos von der Arbeit zurück und benötigen dringend eine Ermutigung. Denn trotz aller Bemühungen sind ihre Netze leer geblieben.
Da erscheint Jesus und sorgt für ein reichhaltiges und stärkendes Frühstück. Der Tag ist gerettet.
Schon bevor sie ihn erkennen, gibt es einen wundersamen Fischfang und ein Netz das niemals reißt. Doch die Bedeutung dieses Wunders erschließt sich den Jüngern erst, als sie duftenden Grillfisch und knuspriges warmes Brot in den Händen halten und genussvoll abbeißen. Sie begreifen, es ist tatsächlich Jesus. So wie der Lieblingsjünger und Simon Petrus es gesagt haben.
Diese unfassbar große Menge Fische. „Hat Jesus uns nicht damals gebeten, Menschenfischer zu werden?“, erinnert Simon Petrus die anderen.
Das Netz ist erstaunlicherweise nicht gerissen. „Hat Jesus uns nicht von Gottes Heiligem Geist erzählt, der wie ein Tröster bei uns sein und uns alle im Glauben zusammenhalten wird?“, fragt der Lieblingsjünger.
Als sie das so miteinander bedenken, sind sie schon längst satt geworden und der Auferstandene ist aus ihrer Mitte wieder entschwunden. Ebenso plötzlich wie er gekommen ist.
Doch sie fühlen sich ganz anders. Sie haben wieder Lebenslust und Hoffnung. Ihre Arbeit kommt ihnen nicht mehr vergeblich vor. Seele und Körper sind genährt. Und der Tag hat gerade erst angefangen.

Stell dir vor unsere Kirchengemeinde wäre so ein Ort, an dem ein Feuer brennt, das wärmt, auf dem man ein leckeres einfaches Essen zubereiten kann, und bei dem man gemeinsam sprechen kann über die großen und kleinen Dinge des Lebens.
Stell dir vor, wir würden Menschen den Raum bieten, Gott auf dieselbe Weise zu begegnen wie die Jünger in dieser Geschichte.
Stärkung und Gemeinschaft erfahren, in verschiedenen ganz einfachen Formen, so wie es zu den Menschen in unserem Dorf passt, so stelle ich mir Gemeinde vor.
Bist du dabei und teilst deine Vorstellung von Gemeinde?

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Palmsonntag

heute möchte ich Sie/ Dich wieder an der Predigt aktiv beteiligen. Bevor es los geht, benötigen Sie/ benötigst du, ein wenig Zeit für dich, Ruhe zum Nachdenken und Stift mit Papier.
Folgende Fragen bitte ich nun zu bedenken und die Antworten als Stichpunkte zu notieren:

Wer war für mich ein wichtiger Mensch in meiner persönlichen Glaubensreise? Wer hat mich auf meinem Glaubensweg geprägt, als Ratgeberin, als Vorbild oder als Vertrauensperson?

Für wen könnte ich heute ein Glaubenszeuge sein? Wer könnte in mir eine Glaubensbegleiterin sehen?

Der Predigttext für den Palmsonntag spannt einen weiten geschichtlichen Bogen und zeigt die Wege der wichtigsten biblischen Glaubenszeuginnen und -zeugen auf.

Hebräerbrief 11,1–2(8–12.39–40); 12,1–3 (Basisbibel)
111Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft –ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.2Aufgrund ihres Glaubens hat Gott den Alten das gute Zeugnis ausgestellt.3Aufgrund unseres Glaubens erkennen wir, dass die ganze Welt durch Gottes Wort geschaffen wurde. Das Sichtbare ist also aus dem hervorgegangen, was man nicht sieht.

Wer mag, kann nun selbst die weiteren Verse über die Wege der Zeuginnen und Zeugen des Glaubens durch die Geschichte lesen. Dann wird die Geschichte der Glaubenszeuginnen und -zeugen folgendermaßen zusammengefasst:

121Wir sind also von einer großen Mengen von Zeugen wie von einer Wolke umgeben. Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der Sünde, in die wir uns so leicht verstricken. Dann können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt.2Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen. Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt. Dies tat er wegen der großen Freude, die vor ihm lag: Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron.3Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die Sünder ertragen hat. Dann werdet ihr nicht müde werden und nicht den Mut verlieren.

Wenn du in deine Lebensgeschichte zurückblickst, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend denken? Wer hat dir vermittelt, was es bedeutet zu glauben? Wer hat Ihnen gezeigt, wie man betet und wer Gott für uns ist?
Die Großmutter, die abends am Bett ein altes Kindergebet spricht. Das Nachbarsmädchen, das mich mit dem Fahrrad zum Kindergottesdienst mitnimmt. Der eigene Vater, der über seine Vorstellung von Gott erzählt und mit dir in der Kinderbibel liest.
Lagerfeuer und Lieder unter dem Sternenhimmel. Wo hast du über Gott nachgedacht? Wer hat Sie und Ihre Glaubensanfragen ernst genommen und gemeinsam weiter darüber nachgedacht?
Ohne unsere Glaubensvorfahren, die Ahninnen und Ahnen unserer Glaubensgeschichte, stünden wir in unseren Gottesbeziehungen nicht da, wo wir heute stehen.
Uns wurde gezeigt und vorgelebt, was Glauben eigentlich bedeutet, dass es ein lebendiges Beziehungsgeschehen ist zwischen uns Menschen und Gott, dass es im Glauben nicht darum geht, etwas von Gott zu bekommen, was uns unserer Vorstellung nach zusteht, wie z.B. Lebensglück oder Schutz, sondern dass wir bestärkt werden, auf unseren Lebenswegen weiter zu gehen, auch wenn wir widrige Umstände und Krisen durchleben müssen.
Glauben kann wie ein Kampf sein: Kampf mit unserer persönlichen Umgebung, den Menschen, die uns umgeben und unsere Glaubenseinstellungen ablehnen oder Kampf mit Gott selbst, dass Gott unserer eigenen Vorstellung von Gott nicht entsprechen will oder fernbleibt und schweigt, wie das Hiob erlebt hat.
Selbst Jesus, der hier als höchstes und wichtigstes Vorbild im Glauben hervorgehoben wird, hatte mit Anfeindungen zu kämpfen.

Der Autor des Hebräerbriefs betont, dass dies besonders die Anfeindungen sündiger Menschen gewesen seien. Mit Blick auf die Passionserzählungen in den vier Evangelien würde ich ergänzen, dass der Feind auch aus dem Inneren kommen kann: Jesus hatte auch mit seinen eigenen Ängsten und Zweifeln zu kämpfen, sei es in der Einsamkeit der Wüste, als er ausgehungert vom Satan versucht wird, Steine in Brot in verwandeln, sei es als er im Garten Gethsemane an seine Grenzen kommt, und vor Gott um sein eigenes Leben verhandelt.
Glaubensvorbilder zeigen ihre Stärke nämlich darin, dass sie diese Krisen und Ängste, diese Zweifel nicht ausblenden, sondern benennen und sich ihnen stellen.
Wie ist das bei Ihren/ Deine persönlichen Glaubensvorbildern? Konnten sie dir in deinen Krisen Halt geben? Konnten Sie etwas von ihnen für die persönliche Entwicklung des Glaubens lernen?
Und wenn du selbst ein Glaubenszeuge für jemanden sein kannst: Was würden Sie jemandem für den eigenen Glaubensweg mitgeben und auf welche Weise?

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Judika (5. Fastensonntag)

Gott ist liebevoll. Bei Gott finden wir Trost. Gott schenkt Geborgenheit und Schutz. In einer Notsituation können wir auf Gottes Fürsorge vertrauen.
Das sind Beispiele für Vertrauenssätze, die wir als Christinnen und Christen einander zusprechen. Das ist das Gottesbild, in dem wir unsere Kinder aufwachsen lassen.
Von diesen Eigenschaften Gottes bin ich überzeugt und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich Gottes Zuwendung auf diese Wiese auch selbst so erlebt habe.
Allerdings weiß ich auch, dass Gott eine andere Seite hat, von der die Bibel erzählt und ich als Pastorin viel zu wenig.
Gott kann nämlich auch fern und ungerecht erscheinen, als ob er sich nicht für seine Menschen interessieren würde.
Gott kann sehr lange und ausführlich schweigen.
Viele Menschen nehmen das als Beweis, dass Gott nicht existiert. Denn diese Verhaltensweise passt nicht zu dem Gott, von dem wir im Glauben einander erzählen.
Daher wird es nun dringend Zeit, dass wir von Hiob hören.

Hiob hat sich sein ganzes Leben lang bemüht gottesfürchtig und gerecht zu leben.
Doch ausgerechnet er erlebt unvorstellbares Leid. Seine Familienmitglieder versterben auf tragische Weise, seine Frau beschimpft und verlässt ihn, er selbst erkrankt schwer und verliert seinen gesamten Besitz.
Er hat zwar Freunde, die zunächst auch gemeinsam mit ihm schweigen und trauern, ihn dann aber belehren und nicht ernst nehmen.

Hiob 19,19-27 (Basisbibel)

19Meine engsten Freunde verabscheuen mich. Sogar diejenigen, die mir am liebsten sind, stehen mir feindselig gegenüber. 20Meine Haut klebt nur noch an den Knochen. Nur das nackte Leben ist mir noch geblieben. 21Habt Mitleid, habt Mitleid mit mir, ihr seid doch meine Freunde! Denn Gott hat mich mit diesem Unglück geschlagen. 22Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Wann hört ihr endlich auf, mich zu zerfleischen? 23Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte, dass meine Verteidigungsrede aufgeschrieben wird – wie bei einer Inschrift, die man in den Stein ritzt! 24Mit einem Meißel soll man sie in den Fels hauen und ihre Buchstaben mit Blei ausgießen. 25Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt. Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten und zum Schluss meine Unschuld beweisen. 26Mit zerfetzter Haut stehe ich hier. Abgemagert bin ich bis auf die Knochen. Trotzdem werde ich Gott sehen. 27Ich werde ihn mit meinen Augen sehen, und er wird für mich kein Fremder sein. So wird es sein, auch wenn ich schon halb tot bin.

Zerschlagen und abgemagert steht er da, verzweifelt, einsam. Das letzte bisschen Kraft, das in seinem dürren kranken Körper steckt, nimmt Hiob zusammen, um seinen Zorn heraus zu schreien.
Seine sogenannten Freunde sind ihm leider keine Hilfe. Sie machen wirklich alles falsch.
Sie hören ihm nicht richtig zu, sie belehren ihn, statt liebevoll zu schweigen.
Sie unterstellen ihm, er habe seine unglückselige Lebenssituation selbst herbeigeführt, er müsse schließlich etwas falsch gemacht haben, um dieses Schicksal zu verdienen.
Hiob bleibt kämpferisch. Er will das nicht einsehen. Er hat dieses Schicksal nicht verdient, weil er nichts getan hat, was diese leidvolle Situation rechtfertig. Hiob möchte, dass die Sinnlosigkeit seines Leidens in ihrem kraftvollen Schmerz anerkannt wird.
Hiob macht nun etwas, das zunächst widersinnig erscheint.
Er klagt Gott einerseits an, beschimpft ihn und macht ihn für seine ungerechte Lebenssituation verantwortlich und wirft ihm vor, ihn gnadenlos zu verfolgen.
Andererseits beruft Hiob sich darauf, dass Gott ihn retten und erlösen wird. Er vertraut immer noch darauf, dass Gott gerecht ist und dass er ihn darauf hinweisen kann.
Er bleibt in Beziehung zu Gott, lässt Gott nicht los und spricht weiter mit ihm.
Von Hiob können wir alle etwas lernen:
Zum einen können wir lernen, wie man als Christin oder Christ einfühlsam einem Mitmenschen begegnet, der in einer leidvollen Situation steckt.
Statt vorschnell von eigenen tröstenden Gotteserfahrungen zu erzählen, ist es hilfreich, sich ganz auf das Gegenüber und dessen Bedürfnisse zu konzentrieren.
Wut und Enttäuschung sind legitime Gefühle, die wir gegenüber Gott empfinden können, und es ist angemessener diese auszusprechen als sie mit angenehmen Gottesvorstellungen zu übermalen.
Ein Mensch in einer seelischen Krise erwartet oft auch keine Erklärung, sondern einen Mitmenschen, der den Mut hat, das Schweigen und die Ratlosigkeit gemeinsam auszuhalten.
Zum anderen ermutigt Hiob, auch in einer schwierigen Glaubenssituation mit Gott in Kontakt zu bleiben und ihm die eigene Wut und Hilflosigkeit entgegenzubringen.
Hiob traut sich zu, Gott darauf festzunageln, dass er versprochen hat, seine Menschen zu befreien. Er erinnert Gott an dessen eigene Gerechtigkeit.
Es ist völlig legitim Gott daran zu erinnern. So wie es in dem Psalm heißt, der diesem Sonntag seinen Namen verleiht: Judica/ Judika (Schaffe mir Recht)

Psalm 43,1: Verhilf mir zu meinem Recht, Gott! Vertritt mich vor Gericht gegen das Volk, das sich nicht an deine Gebote hält! Rette mich vor falschen und bösen Menschen!

 

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

 

Sonntag Lätäre (4. Fastensonntag)

Johannes 20,20-24 (lut) - Die Ankündigung der Verherrlichung

20Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. 23Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Zwei Erwachsene fragen nach Jesus, zwei die dem jüdischen Glauben zwar nahe stehen, aber dennoch interessierte Glaubensfremde sind. Sie wollen es ganz genau wissen. „Wir wollen Jesus sehen!“
Interessierte Menschen, die im Glauben noch keine Heimat gefunden haben, aber mehr darüber erfahren möchten, die ein echtes, aufrichtiges Wissen-Wollen spüren lassen, gibt es nur noch selten.
Zumindest in dieser aktiven Form, dass jemand mich anruft oder direkt anspricht und einen Gesprächstermin will.
Oft sind die Begegnungen mit Menschen, die Glaubensfragen haben, viel subtiler. Sie geschehen zwischen den Zeilen, bei Besuchen und zufälligen Begegnungen. Die Lebens- und Glaubensfragen sind ungeordnet und tastend. Und für die fragende oder nachdenkliche Person ist es wichtig, dann auf eine einfühlsame Christin zu treffen oder einen Christen, der helfen kann, das Unsortierte zu ordnen und dabei auch von persönlichen Glaubenserfahrungen erzählt. In vielen Glaubensgeschichten gibt es nämlich solche Personen, die zu menschlichen Ankern werden, die vertrauensvoll helfen, Beziehung zu Gott aufzubauen.
Philippus und Andreas nehmen das Anliegen der Griechen ernst und bemühen sich umgehend Kontakt zu Jesus herzustellen.
Jesus nutzt nun diese Anfrage der beiden Griechen, um auf seine Bestimmung, den Tod am Kreuz, aufmerksam zu machen.
Für die Jünger und die beiden Griechen liegt dieses Ereignis in der Zukunft, und ich kann mir vorstellen, wie verunsichert sie vielleicht sind, als sie da vor diesem bekannten jüdischen Lehrer stehen, etwas Anschauliches von ihm hören wollen und er dann so etwas Geheimnisvolles von sich gibt: 24Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Die beiden Griechen, noch neu im Glauben, wollen Jesus mit eigenen Augen sehen, klar und verständlich. Sie kommen dann aber mit etwas in Berührung, das genau das Gegenteil erfordert: Einen Glauben der auf etwas fußt, das eben nicht augenscheinlich ist. Tod und Auferstehung bleiben der herausfordernde Kern des Glaubens bis heute. Weil da etwas passiert, dass man nur mit bildhafter Sprache ausdrücken kann und was mehr und tiefsinniger ist, als das, was klar vor Augen steht.
Interessant wird es, wenn man das, was in diesem bildhaften Vergleich von Jesus über sein eigenes Schicksal gesagt wird, selbst nachstellt, am besten zusammen mit Kindern.
Jetzt ist ja die Halbzeit der Passion.
Wenn man jetzt Weizenkörner in einen Topf mit nahrhafter Erde einpflanzt, wächst daraus an Ostern grünes Ostergras. Und wer weiß, vielleicht bilden sich auch irgendwann kleine Ähren mit vielen Weizenkörnern.
Für Kinder ist das ganz klar: Das Weizenkorn muss sich verwandeln, um zur vollständigen Pflanze zu wachsen und selbst später viele Körner hervorzubringen.
Aus dem einen Weizenkorn, das in die Erde versenkt wird, werden viele. Nur so geht es. Aus dem Tod des einen fließt Leben (ewiges! Leben) für die vielen.
Dazu passt das wunderbare Passionslied „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt“ (EG 98): „Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.“ lautet der Kehrvers.
Um Liebe geht es bei Kreuzestod und Auferstehung, eine Liebe, die über den Tod hinausreicht und die den Tod nicht fürchtet, sondern diesen am Ende endgültig besiegt.  Christus, der Auferstandene steht für ein Leben in Liebe ein und damit inspiriert er uns, selbst Frucht zu tragen durch unser Handeln. Das sagt Jesus ein anderes Mal sogar ausdrücklich (Joh 15,5): „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“
„Wir wollen Jesus sehen!“
Die, zumindest in der reformierten Tradition, viel zitierten Früchte des Glaubens können sich gerade in dieser Passionszeit darin zeigen, dem christlichen Glauben ein Gesicht zu geben, zur Ankerperson in Lebens- und Glaubensfragen zu werden - besonders da wo Menschen mit sich selbst und ihren Gedanken und Zweifeln alleine sind oder gezielt nachfragen: Wir möchten Jesus sehen.
Gott möge uns in diesen letzten Wochen der Passion das nötige Feingefühl verleihen, um zu erspüren, wo ein liebevolles Ansprechen oder Zusprechen gebraucht wird und wo ein mitfühlendes Zuhören oder gemeinsames Schweigen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

 

Sonntag Okuli (3. Fastensonntag)

Epheser 5,1-2;3-71;8-9 (Basisbibel)

Wie Kinder des Lichts leben
5,1 Nehmt euch also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder.2 Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist. Genauso hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben – als Opfer und als Duft, der Gott gnädig stimmt.

8 Früher habt ihr nämlich selbst zur Finsternis gehört. Aber jetzt seid ihr Licht, denn ihr gehört zum Herrn. Führt also euer Leben wie Kinder des Lichts! 9 Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Am ersten Tag der Schöpfung wies Gott die Finsternis in ihre Schranken. Sie wurde nicht verdrängt oder vernichtet. Sie bekam ihren Platz, die Nacht - in Abgrenzung zum Tag.
Gott schuf das Licht und alles, was er danach schuf wurde gut und wurde durch das Licht sichtbar und begann zu leuchten.
Alles, was als Schattenseite ebenso Teil der Schöpfung wurde, weil Menschen nun einmal Schattenseiten haben, da Gott sie mit einem freien Willen ausgestattet hatte, all das blieb auch Teil der Schöpfung. Gott entschied sich bewusst für seine fehlerhafte Schöpfung, was sich besonders in der Geschichte der Arche zeigt, als Gott am Ende, als Noah, seine Familie und alle Tiere gerettet sind, seinen Regenbogen über den Himmel spannt und hoch und heilig verspricht, nie wieder seine Schöpfung vernichten zu wollen.
Stattdessen zieht sich durch die gesamte Bibel von den Propheten über Jesus bis hin zu den ersten jungen Gemeinden mit ihren Apostelinnen und Aposteln das Motiv, sich in das Licht der Liebe Gottes zu stellen.
In diesem Briefabschnitt an die Gemeinde in Ephesus wird deutlich, was damit gemeint ist. Als Christinnen und Christen leben wir im Licht der Liebe Christi.
Gott traut uns, seinen geliebten Kindern, eine Menge zu. Als Menschen, die von der Liebe Christi angestrahlt werden, ist es unsere Aufgabe, selbst auszustrahlen, wofür Gott und sein kommendes Reich stehen: Güte, im Sinne von Mitgefühl und Empathie, Gerechtigkeit, die stets als Gemeinschaftsgerechtigkeit gilt, sowie Wahrheit, die sich im wahrhaftigen Sprechen und Handeln zeigt.
Als Kinder des Lichts wird uns zugetraut, das, wofür Gott steht, in dieser Welt zu unterstützen. Unseren Stolz und unser Selbstwertgefühl sollen wir aus solchen liebevollen Taten ziehen, die der Fülle des Lebens und einer gerechten Gemeinschaft dienen.
Wenn wir uns schlecht fühlen oder geringschätzig behandelt werden, kann das zu dem Reflex führen, sich über andere zu erheben, um wieder Macht und Selbstbestimmung zu fühlen.

Davor warnt uns dieser Briefabschnitt:
3 Über Unzucht, jede Art Unsittlichkeit oder auch über Habgier sollt ihr nicht einmal reden. Denn das gehört sich nicht für Heilige.4Ihr sollt nichts sagen, das andere herabsetzt, nicht dumm daherreden und keine zweideutigen Witze machen. Das ist nicht angemessen! Bringt vielmehr euren Dank zum Ausdruck.5Denn eines müsst ihr wissen: Jede Art von Unzucht, Unsittlichkeit und Habgier ist ja nichts anderes als Götzendienst. Wer dies tut, erhält kein Erbe im Reich von Christus und von Gott.
6Niemand soll euch mit leeren Versprechungen verführen. Denn wegen solcher Dinge bricht der Zorn Gottes über die Menschen herein, die ihm nicht gehorchen.7Mit solchen Leuten dürft ihr nichts zu tun haben!

Es ist nicht einfach eine gesunde Balance zu finden, dort zu widersprechen, wo andere herabgesetzt, ausgegrenzt oder beleidigt werden, und andererseits beim Üben von Kritik nicht moralisch überheblich zu werden und das Gegenüber zu entmenschlichen.
Wir leben in einem Zeitalter, in dem oft extreme Meinungen aufeinander prallen. Die sozialen Medien fördern, dass Menschen ihren Tonfall nicht sorgfältig abwägen, Diskussionen schnell in einen unschönen und vor allem entmenschlichenden Schlagabtausch verfallen.
„Bringt vielmehr euren Dank zum Ausdruck.“ Dieser Satz aus Vers 4 hilft dabei diese Balance zu finden. Wenn ich mich auf das konzentriere, was mein Leben reich macht, worüber ich mich täglich freuen kann, dann bin ich auch in einer besseren Stimmung, wenn ich in einen Konflikt mit meinen Mitmenschen gerate. Es fällt dann leichter sich von Lästereien zu distanzieren oder jemandem geduldig und in angemessenem Tonfall zu widersprechen, wenn er oder sie eine Lüge verbreitet. Gottes Liebe befreit zur Solidarität. Diese Botschaft ist ein biblisches Leitmotiv. Auch hier klingt es an, wenn vor Habgier und unsittlichem Verhalten gewarnt wird. Als Kinder des Lichts stehen wir ebenso in der Verantwortung Gottes Solidarität und Barmherzigkeit zum Leuchten zu bringen.

Wo und wie kann das heute geschehen? Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer leisten in Notbetreuung und in immer wieder neuen Abstands- und Heimunterrichtsszenarien Unglaubliches und verdienen nicht nur unseren Respekt, sondern auch endlich Zugang zu den Schnelltests und Impfungen, was nun hoffentlich langsam in Gang kommt.
Wie steht es mit unserer Solidarität mit Menschen in pflegenden Berufen? Für die gab es vor einem Jahr Applaus, aber die Debatte darüber, dass sie endlich auch besser bezahlt werden sollten scheint schon wieder vorbei zu sein.
Wir hoffen auf ein Leben nach dieser Pandemie. Es wäre wünschenswert, dass wir auch nach allen Lockerungen nicht einfach so zu einem scheinbar „normalen“ Leben zurückkehren, sondern darauf schauen, wo wir etwas gegen die Ungerechtigkeiten tun können, die jetzt so offenkundig werden.
Wir sind Kinder des Lichts! Gott sagt uns zu: Dann lebt auch so!
Lasst Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit leuchten!

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

 

Sonntag Reminiszere (2. Fastensonntag)

Jesaja 5,1-7 (Basisbibel)

Im Bibelabschnitt für den kommenden Sonntag erleben wir den Propheten Jesaja in einer interessanten Rolle. Er tritt als Sänger auf. Er trägt das Lied von einem enttäuschten Liebenden vor. Das Lied von einem, der ganz viel Energie und Fürsorge in die Beziehung gesteckt hat, doch von seiner Geliebten keine Gegenliebe, Wärme und Dankbarkeit empfängt. Enttäuscht und wütend will er nun alles zerstören, was sie sich da aufgebaut haben:

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg
51Ein Lied von meinem Freund will ich euch singen. Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg: Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel.2Er grub ihn um, entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken. Mittendrin baute er einen Wachturm. Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus. Dann wartete er auf eine gute Traubenernte, aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor.
3
Jetzt urteilt selbst, ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda! Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg?4Habe ich irgendetwas vergessen? Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen? Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt. Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht?
5
Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun werde: Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen und seine Schutzmauer niederreißen. Dann werden die Tiere ihn kahlfressen und zertrampeln.6Ich werde ihn völlig verwildern lassen: Die Reben werden nicht mehr beschnitten und der Boden nicht mehr gehackt. Dornen und Disteln werden ihn überwuchern. Den Wolken werde ich verbieten, ihn mit Regen zu bewässern.
7
Wer ist dieser Weinberg? Der Weinberg des Herrn Zebaot, das sind die Bewohner von Israel. Die Leute von Juda, sie sind sein Lieblingsgarten. Der Herr wartete auf Rechtsspruch, doch seht her, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.

Jesaja setzt sich wie ein guter Freund für seinen Gott ein, verleiht dessen Wut und Enttäuschung eine Stimme. Jesaja will, dass die Menschen aus dem Volk Israel bewegt werden von diesen Worten. Er will, dass sie erkennen, wie es um Gott und ihre Beziehung geht. Das Verhältnis ist zerrüttet. Zumindest in diesem Augenblick.
Der Gott aus Jesajas Protestlied ist wütend, jähzornig. Wie ein enttäuschter Familienvater wirft er die Brocken hin! „Dann macht euren Mist doch alleine! , brüllt er seinen Kindern entgegen. „Ich werde euch nicht vor den Folgen eures schlechten Tuns bewahren! Ich werde mich nicht mehr um euch kümmern!“
„So kenne ich Gott nicht!“, möchte ich Jesaja auf seinen leidenschaftlichen Vortrag antworten. „Gott ist für mich unendlich geduldig, gütig! Der hat es doch nicht nötig so auszurasten!“
Und Jesaja würde mir vielleicht antworten: „Du hast dir ein Bild von Gott gemacht, das ihn ziemlich beschränkt darstellt! Es zeigt mir, dass es dir momentan relativ gut geht. Aber stell dir mal vor, du würdest am Rande der Gesellschaft leben, ohne Fürsprecher und jetzt in der Pandemie noch viel isolierter als vorher. Stell dir vor, du würdest Gewalt und Missbrauch erleben, in deiner eigenen Familie, und keiner würde dir helfen! Stell dir vor, du würdest Krieg und Zerstörung erleben, deine Heimat wäre unbewohnbar und du müsstest fliehen. Stell dir vor, du würdest hart arbeiten, dich für deine Familie abrackern und trotzdem würde es vorne und hinten nicht reichen und du müsstest um die Zukunft fürchten! Würdest du dir da nicht wünschen, dass Gott so richtig ausrastet und denen die dir das angetan haben und vor allem denen, die weggucken und dir nicht helfen, die Rote Karte zeigt!“

„Vielleicht“, würde ich zögerlich antworten. „Aber, Jesaja, wenn ich mich jetzt in die Position der Menschen stelle, die du da in deinen Beispielen erwähnst, dann wäre ich selbst wütend und würde mich selbst von Gott im Stich gelassen fühlen. Ich würde ich Gott anschreien und fragen: Warum hast du mich im Stich gelassen! Was habe ich dir angetan?“

„Genau darum geht es!“ würde Jesaja antworten. (In meiner Phantasie klatscht er dabei noch energisch in die Hände und läuft begeistert auf und ab.) „Gott will mit seinen Menschen in Beziehung sein! Er will, dass sie mit ihm reden! Das sie nach seiner Gerechtigkeit fragen! Dass sie ihm ihre gesamte Lebenslage mit allen Gefühlen anvertrauen! Ihm alles um die Ohren hauen!“

„Aber was soll das denn bringen: Ein enttäuschter Mensch und ein enttäuschter Gott schreien einander an?! Und dann… Funkstille?“ frage ich.

„Oder ein Neuanfang. Ein echtes Gespräch. Nachdem die Wut verraucht ist und alle Gefühle benannt worden sind. Gott geht es um die Beziehung und das Vertrauen. Das kann ja nur wachsen und geschehen, wenn man miteinander lebt und offen miteinander spricht.“

„Aber Jesaja, wie kann ich herausfinden, was Gottes Antworten auf meine Fragen sind.“

„Das kannst du nur selbst herausfinden, indem du dich darauf einlässt und es einfach ausprobierst! Mehr kann ich dir leider nicht sagen. Glaube ist dieses Wagnis. Ich wünsche dir Geduld auf deinem Weg und dass sich Gottes Antworten in deinem Leben zeigen.“

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

 

 

Sonntag Invokavit

Mit dem Text für den kommenden Sonntag werden mit mitten in das Passionsgeschehen hineinversetzt. Wie auf einer Theaterbühne können wir folgende Szene erleben:
Johannes 13,21-28 Jesus, der Lieblingsjünger und der Verräter (lut)

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Als die Nacht ihn verschluckt, ist alles in Gang gesetzt. Judas Iskariot übernimmt die ihm zugedachte Rolle im Passionsgeschehen. Er ist der Verräter. Der, der seinen Freund und Lehrer Jesus an die Römer ausliefert. In der Kunst- und Kulturgeschichte ist Judas auf diese ihm zugedachte Rolle auf ewig festgelegt. „Du Judas!“ mit diesem Ausspruch werden Verräter entlarvt, von Menschen, die sich eigentlich nicht mehr mit den biblischen Geschichten und ihren Figuren auskennen. Und bis heute ist es in Deutschland verboten einem Kind den Namen Judas zu geben. Der Name ist zu bezeichnend. Jedoch ist Judas mehr als ein schlichter Bösewicht, der für die Gegenseite, „im Auftrag des Bösen“ handelt, als Handlanger des Satans.
Vielmehr ist Judas wie fast jeder Jünger, der im Passionsgeschehen eine Rolle übernimmt, ein Repräsentant. Und zwar ein Repräsentant von etwas, das ich als Leserin oder Leser, lieber nicht so gerne wahrhaben möchte. Judas zeigt die Schattenseiten auf, die jeder Mensch im Herzen trägt und die mal mehr mal weniger im Raum im Herzen einnehmen. Judas sitzt in kirchlichen Gremien und in weltlichen Strukturen. Er ist in unseren dunklen Momenten. Er ist der Zweifel und der Vertrauensbruch. Er ist das nicht gehaltene Versprechen. Er ist der Verrat an der Sache. Judas ist einer der Zwölf. Immer. Genau wie Petrus einer der Zwölf ist, der noch ehe der Hahn das Ende dieser dunkelsten Nacht ankündigt, Jesus verleugnen wird, nicht einmal sondern drei Mal.
In der Leidensgeschichte von Jesus zeigt sich, wie die, die ihm am nächsten stehen, in ihren Herzen verdunkelt werden, von ihren Ängsten, Zweifeln und der Enttäuschung, dass alles ganz anders kommt, als sie sich das vorgestellt hatten.
Jesus hatte ihnen erzählt, dass Gottes Herrschaft anbricht, mit ihm selbst. Er hatte ihnen von dieser Welt Gottes erzählt, in der die, die sonst zu kurz gekommen sind im Leben, zu ihrem Recht kommen. Und Jesus hatte diese Wunder bewirkt, kleine und spektakuläre. Doch die Machtverhältnisse waren gleichgeblieben. Israel war noch immer unter römischer Besatzung. Vielleicht hatten sie auf den falschen Messias gesetzt? War es das, was Judas angetrieben hatte, die enttäuschte Hoffnung?
Was du tust, das tue bald! Im Gegensatz zu Judas scheint Jesus eine genauere Vorstellung davon zu haben, was in dieser Nacht noch alles passieren wird. Und er selbst wird auch noch an seine Grenzen kommen, im Garten Gethsemane wird er beten, dass Gott ihm sein Schicksal am Kreuz ersparen möge.
Aus der Sicht von Jesus muss Judas das tun, was er tun muss, damit alles so kommen kann, wie es kommen muss. Selbst Judas, der Verräter, ist eingebunden in das, was Jesus durch Kreuz und Auferstehung bewirkt. Er ist Teil der Tischgemeinschaft des Abendmahls und wird Vergebung empfangen.
Zwischen der Verletzung und der Schuld, die ein solcher Vertrauensmissbrauch wie der Verrat an einem Freund hervorruft, und der Vergebung dieser Schuld liegt ein langer Weg, womöglich ein ganzes Leben.
Vergebung kann man nämlich nicht einfordern. Vergebung wird geschenkt. Und so ist das auch im Glauben. Darum beten wir regelmäßig mit vertrauten Worten: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Auf Vergebung können wir hoffen, immer.
Am Kreuz betet Jesus: Vater, vergib ihnen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Estomihi

In der auf diesen Sonntag folgenden Woche beginnt nach den in diesem Jahr stillen Karnevalstagen die Passionszeit. Sie gilt traditionell als Fastenzeit. Man kann natürlich fragen, welch einen Gewinn das Fasten für das Glaubensleben haben kann nach einem solchen Jahr, in dem unsere sinnlichen Genüsse wie gemeinsame Feiern, Konzerte und Kinobesuche bereits so stark eingeschränkt waren . Unser Predigttext öffnet den Blick für ganzheitliches Fasten, das sowohl die Beziehung zu Gott als auch die Bedürfnisse des Mitmenschen in den Fokus rückt.

Jesaja 58 1,1-9a (Basisbibel) – Das wahre Fasten
Ruf, so laut du kannst, halt dich nicht zurück! Lass deine Stimme erschallen wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Verbrechen vor, den Nachkommen Jakobs ihre Vergehen. Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet! Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin. Und dann fragen sie mich: Warum achtest du nicht darauf, wenn wir fasten? Warum bemerkst du nicht, wie wir uns quälen? Ich antworte: Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an!  Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör.  Meint ihr, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälenden Kopf hängen lassen wie umgeknicktes Schilf und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt?
Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe: Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten! Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran. Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, und die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.  Dann antwortet der Herr, wenn du rufst. Wenn du um Hilfe schreist, sagt er: ich bin für dich da!

Fasten, um besonders gottgefällig und bescheiden zu wirken verfehlt sein Ziel, sagt der Prophet Jesaja. Wer beim Fasten nicht auch gleichzeitig das Wohlergehen seiner Mitmenschen im Blick hat, entfernt sich von Gott. Fasten soll die Sinne schärfen und nicht nur das, was von Gott ablenkt, entfernen, sondern auch die Bedürfnisse des Nächsten in den Vordergrund rücken.
Der wichtigste Satz in diesem Abschnitt aus Jesaja ist die Zusage Gottes: „Ich bin für dich da!“ Diese Zusage hört bereits Mose aus dem brennenden Dornbusch, als Gott die Bedeutung seines geheimnisvollen unaussprechlichen Namens JHWH offenbart: Gott ist der „Ich-bin-für-dich-da!“ Gott zeigt das dann auch, indem er die Menschen aus dem Volk Israel aus Ägypten aus der Knechtschaft des Pharaos befreit und in das gelobte Land führt.
Als Christinnen und Christen sind wir mit den Menschen jüdischen Glaubens in dieser Erfahrung von Befreiung verbunden. Für uns ist es Jesus, der uns in diese besondere Gottesbeziehung, die Israel mit seinem Gott hat, mit hineinnimmt und uns befreit, indem er die Macht des Todes durch Kreuzigung und Auferstehung durchbricht.
Gott setzt sich zu uns in Beziehung und will, dass wir selbst in Beziehung gehen.
Ganzheitliches Fasten kann also entgegen aller Vorurteile zur inneren Befreiung führen. Es gibt uns die Möglichkeit, vom Kreisen um das eigene Ich und von übertriebenen Sorgen wegzukommen, indem wir den Blick für diejenigen öffnen, die gerade unsere Solidarität benötigen.
Das können Menschen im näheren Bekannten- und Freundeskreis sein, von denen wir wissen, wie sehr ihnen der Rückzug und die Isolation zusetzen und die sich über ein Zeichen der Zuwendung freuen würden. Das können aber auch Menschen sein, die wir nicht persönlich kennen, denen wir unsere Solidarität durch eine Spende für ein Projekt zeigen können oder indem wir bewusst nachhaltig produzierte Produkte einkaufen, die denjenigen, die sie erzeugen ein gutes Auskommen ermöglichen.
Licht bricht hervor wie die Morgenröte! Als Christin kann ich im Alltag zum Hoffnungslicht für meinen Mitmenschen werden. Auch unter den erschwerten Bedingungen einer Pandemie, die uns als Gemeinschaft viel Kraft abverlangt. Gott ist eine Quelle der Kraft. Doch die Beziehung zu ihm erfordert, dass wir uns regelmäßig Zeit zur Beziehungspflege gönnen.  Darum nutze ich selbst die Fastenzeit wie in jedem Jahr dazu, täglich einen kurzen inspirierenden Text zu lesen, der mir veranschaulicht, wie ich meine Gottesbeziehung vertiefen kann oder wie ich mich meinen Mitmenschen gegenüber achtsam verhalten kann.
Wie gestalten Sie in diesem Jahr die Zeit vor Ostern? Fastest du in diesem Jahr? Und wie? Durch Verzicht auf etwas oder durch bewusstes Tun, die Einführung eines sinnstiftenden Rituals?

Bei all dem, was du da achtsam tust oder was Sie bewusst lassen, wünsche ich Gottes Segen:

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Sexagesimä

Corona-Zeit ist Zeit der Selbstbeschränkung. Man kann „nichts“ tun und muss Geduld üben. Geduld ÜBEN – offenbar ist sie weder selbstverständlich noch einfach! Kein Wunder also, dass wir uns damit schwertun, umso mehr, wenn wir uns zu Abwarten und Stillhalten, also einer passiven Geduld, einem Erdulden gegen unseren Willen, verdonnert fühlen. Besser fühlt sich aktive Geduld an – wenn wir durchhalten, aber auch mittragen und sie Situation mitgestalten. Eine Geduld, die sich nicht unterkriegen lässt und sowohl der Unruhe, die zurück oder vorwärts ins Machen strebt, wie der Niedergeschlagenheit, die innerlich zerstört, Einhalt gebietet. Im Gleichnis vom Sämann und dem Samen bei Lukas ist das Schlüsselwort dafür, dass die Ernte gelingt, hypomoné: Geduld, Ausdauer, Standhaftigkeit – und dazu ein gelassenes Vertrauen in die Kraft des Wortes Gottes:

Das Gleichnis vom Säen auf verschiedenen Böden (Lukas 8,4-15 aus der Basisbibel)
Eine große Volksmenge versammelte sich um Jesus, und aus allen Orten strömten die Leute zu ihm. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis: “Ein Bauer ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Die Körner wurden zertreten, und die Vögel pickten sie auf. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden. Die Körner gingen auf und vertrockneten schnell wieder, weil sie keine Feuchtigkeit hatten. Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln gingen mit auf und erstickten die junge Saat. Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf und brachten hundertfachen Ertrag. „Dann rief Jesus noch: „Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören." Jesus erklärt das Gleichnis vom Säen auf verschiedenen Böden.
Da fragten ihn seine Jünger: „Was bedeutet dieses Gleichnis?“ Er antwortete: „Euch ist es geschenkt, das Geheimnis vom Reich Gottes zu verstehen. Aber die anderen Menschen erfahren davon nur in Gleichnissen. Denn sie sollen sehen, ohne etwas zu erkennen, und hören, ohne etwas zu verstehen.
Dies ist die Bedeutung des Gleichnisses: Die Saat ist das Wort Gottes. Was auf den Weg fällt, steht für die Menschen, die das Wort hören. Aber dann kommt der Teufel. Er nimmt es wieder weg aus ihren Herzen, damit sie nicht glauben und gerettet werden. Ein anderer Teil fällt auf felsigen Boden. Er steht für die Menschen, die das Wort hören und gleich mit Freude in sich aufnehmen. Aber es schlägt keine Wurzeln. Eine Zeit lang glauben sie. Doch sobald sie auf die Probe gestellt werden, wenden sie sich wieder ab. Noch ein anderer Teil fällt zwischen die Disteln. Er steht für die Menschen, die das Wort zunächst hören. Doch dann gehen sie fort. Sie ersticken in Sorgen, in Reichtum und den Freuden, die das Leben bietet. Daher bringen sie keinen Ertrag.15Aber ein Teil fällt auch auf guten Boden. Er steht für die Menschen, die das Wort mit offenem und bereitwilligem Herzen hören. Sie bewahren es und halten durch –und so bringen sie viel Ertrag.“


Bei diesem Gleichnis kommt es bei der Deutung sehr darauf an, den Schwerpunkt auf den Samen bzw. die Saat als das Wort Gottes zu legen, und wie dieses sich in den unterschiedlichen Situationen entwickelt. Man kann schnell vorverurteilen und bei der Bedeutung des guten Bodens hängen bleiben, um dann den Hörenden des Gleichnisses vermitteln, dass sie sich selbst nicht stark genug anstrengen, um ein guter Nährboden für das Wort Gottes zu sein.
Stattdessen charakterisiert das Gleichnis mit den Beispielen der Bodenbeschaffenheit verschiedene Lebenssituationen und Gemütszustände von Menschen, die mit Gottes Wort in Berührung kommen. Dabei möchte ich betonen, dass jeder Mensch in sich selbst sowohl fruchtbare als auch unfruchtbare Anteile trägt. In diesem Gleichnis ist aber vom Saatgut so reichlich vorhanden, dass trotz allen Verlustes am Ende eine überreiche Ernte herangereift ist.
Das Gleichnis bietet die Chance, das eigene Leben und die Glaubensbiographie zu reflektieren:  Welche Gemütszustände oder persönliche Lebensphasen repräsentieren die verschiedenen Bodensorten?
– Der Weg: Ein Weg ist gemacht, um darauf zu gehen. Wo und welche Wege gehen wir? Welchen Gewohnheiten folgen wir? In welchem Hamsterrad laufen wir? Welches Gedankenkarussell hält mich am Grübeln? Was wird bei mir plattgetreten, übergebügelt …? Was kommt zu kurz – weil keine Zeit dafür ist, weil es „nicht passt?"
– Der felsige Boden: Was ist hart, kantig, rau, lebensfeindlich bei mir? Wo ist etwas verhärtet – und wodurch? Wo ist „das Leben« zu mir „felsig“? Welche Verletzungen stecken dahinter? Wo verhalte ich mich mir selber gegenüber „felsig“? Wo brauche ich aber auch Härten, und welchen Zweck erfüllen sie?
– Die Disteln: Wo überwuchert mich etwas, geht mir zu schnell, erstickt mich, überwältigt mich? Wo verliere ich mich im Gestrüpp? Was dulde ich bei mir bzw. wem oder was gebe ich Raum, obwohl es mir nicht guttut?
– Der Same auf dem Weg könnte ein Korn im Getriebe des Hamsterrades sein. Ein Kern (vielleicht wie ein Stein) des Anstoßes, um ins Nachdenken zu kommen. Als Nahrung für die Vögel gibt er anderen Lebewesen immerhin Kraft und bietet ihnen eine Lebensgrundlage.
– Der Same/die Blume auf dem felsigen Boden verweist auf unbeständige Phasen in unseren Gärten des Glaubens. Manchmal wächst eine prächtige Blume, der wir nicht genug Halt und Nahrung bieten können, die dann schnell wieder eingeht.
– Der Same unter den Disteln könnte schlafen und vielleicht zu späterer Zeit austreiben, auferstehen. Manche Samen liegen jahrelang in der Erde, bevor sie keimen. Vielleicht braucht es einfach mal wieder einen Gärtner/ eine Gärtnerin, um das Beet in Ordnung zu bringen. Und nicht alles, was nicht ursprünglich gepflanzt wurde, muss gleich ausgerissen werden: So manches Unkraut entpuppt sich in meinem Garten hinterher als schöne Blume, die Insekten anlockt.
- Der gute Boden: Zum Schluss lädt uns das Gleichnis dazu ein, unsere Herzen als fruchtbaren Boden für Gottes frohe Botschaft bereit zu halten. Hier geht es um die liebevolle Aufforderung, Herzensbildung zu betreiben, ohne sich selbst unter Druck zu setzen. Statt Angst vor dem Ernteausfall zu schüren, wird die Vorfreude geweckt, auf die reiche Ernte des Glaubens, an der alle teilhaben werden, auch wenn es Disteln, Felsboden und Wege im Herzensgarten gibt.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Heute möchte ich Sie/euch an den Gedanken zum Sonntag aktiv beteiligen. Alles was benötigt wird, sind Stift und Papier sowie ein wenig Zeit für sich selbst. Sind Sie/ seid ihr dabei?
Bitte einen Moment zur Ruhe kommen, eventuell dazu einen Ort der Geborgenheit aufsuchen. Durchatmen. Erinnerungen aufsteigen lassen. Folgende Fragen leiten die Gedanken: Wo war Gott mir in meinem Leben nahe? Wie hat sich Gottes Nähe mir gezeigt? Welche Gedanken und Gefühle verbinde ich damit? Notieren Sie/ notiert diese Erinnerungen, Gedanken und Gefühle bitte kurz. Lesen Sie/ lest danach dann weiter.
Im Predigttext für diesen Sonntag geht es um die Vergewisserung des eigenen Glaubens. Der Autor des zweiten Petrusbriefes bezieht sich auf ein ganz konkretes beeindruckendes Glaubenserlebnis, das die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit Jesus auf einem Berg hatten. (Mt 17,1–9, Drei Jünger sehen Jesus in der Herrlichkeit Gottes)

2.Petrusbrief 1,16-19 Basisbibel
Wir haben euch ja angekündigt, dass unser Herr Jesus Christus machtvoll wiederkommen wird. Und dabei haben wir uns nicht auf ausgeklügelte, erfundene Geschichten gestützt. Sondern wir haben mit eigenen Augen seine wahre Größe gesehen. Von Gott, dem Vater, empfing er seine Ehre und Herrlichkeit – aus der majestätischen Herrlichkeit Gottes kam eine Stimme zu ihm, die sagte: „Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude“. Diese Stimme haben wir selbst gehört. Sie kam vom Himmel her, als wir mit Jesus auf dem heiligen Berg waren. So gewinnen die prophetischen Worte für uns noch an Zuverlässigkeit. Und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet. Denn diese Worte sind wie ein Licht, das an einem finsteren Ort brennt –bis der Tag anbricht und der Morgenstern in eurem Herzen aufgeht.

„Ausgeklügelte, erfundene Geschichten“ – so oder noch etwas unhöflicher würden viele Menschen in unserer Gesellschaft das bezeichnen, was wir als Christinnen und Christen glauben.
Seit meiner Studienzeit treffe ich immer wieder auf Menschen, die angesichts meiner Berufswahl erkennen, dass ich Christin bin und mich dann davon überzeugen wollen, meine „naives“ Vertrauen in einen Gott, der nicht existiere, aufzugeben. Mit der Zeit habe ich gelernt, bei wem es sich lohnt weiter über Glaubensfragen zu „streiten“ und das Gespräch in tiefsinnigere Bereiche zu lenken und bei wem ich das Thema lieber schnell wechsle.
Momentan haben wir ja wenig Außenkontakte, und da sind es dann eher die eigenen Glaubenszweifel, die lauter werden und fragen: „Glaubst du das wirklich? Glaubst du an einen Gott, der seinem Volk Israel die Treue gehalten hat, an seinen Sohn, der den Tod besiegt und auferstanden ist, an die Kraft des Heiligen Geistes, die uns alle miteinander verbindet und den Glauben spürbar werden lässt?  Was bringt dir das jetzt?“
Der Autor des zweiten Petrusbriefes beruft sich auf einen ganz besonderen Glaubensmoment, der ihn mit Hoffnung, Kraft und Zuversicht erfüllt sowie ein Licht an einem finsteren Ort: Jesus wird in ein geheimnisvolles strahlendes Licht gehüllt. Die Stimme Gottes ist zu hören: „Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.“
Ein Glaubensmoment, der lange im Inneren weiterleuchtet und in dunklen Zeiten ermutigt. Wie ist das bei Ihnen/ bei Euch beim Blick auf den Zettel vom Anfang?
Welche Glaubensmomente haben Sie/ habt ihr festgehalten? Welche Gedanken und Gefühle sind damit verbunden?
Manche Ihrer / Eurer Erinnerungen verbinden sich vielleicht mit einer herausfordernden oder schwierigen Lebensphase. Andere Glaubensmomente mögen auf den ersten Blick nicht spektakulär wirken, aber vermitteln vielleicht ein Gefühl der Verbundenheit.
All diese Erinnerungen sind wertvoll, selbst die, die schwierige Gefühle wie Trauer und Schmerz in sich tragen. In Zeiten wie diesen, die uns viel Kraft abverlangen, können uns Glaubenserfahrungen Gottes Zuwendung wieder näherbringen. Sie können zum Licht am finsteren Ort werden, bis wieder Hoffnung ins Herz hineinscheint.

Zum Schluss möchte ich ein inneres Bild teilen, dass mich in dunklen Zeiten tröstet.
Gottes Liebe ist für mich wie die Sonne. Wenn der Himmel grau und wolkenverhangen ist, kein Lichtstrahl und keine Wärme hindurchdringt, weiß ich, dass die Sonne jenseits der dunklen Wolken weiter scheint und ich sie gerade nur nicht sehen und spüren kann.
Und auch wenn es mir schwerfällt, muss ich ganz viel Geduld aufbringen, bis die Wolken sich verziehen und die Sonne wieder Helligkeit und Wärme in mein Leben bringt.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

3. Sonntag nach Epiphanias

Nur wenige biblische Bücher eignen sich dafür, sie wie einen Roman in einem Rutsch zu lesen. Das alttestamentliche Buch Rut eignet sich auf jeden Fall dafür. Ich würde Ihnen und euch gern ans Herz legen, die Bibel hervorzuholen und den nun folgenden Textabschnitt aufzuschlagen. Es kann passieren, dass Sie gleich weiterlesen möchten/, dass ihr gleich weiterlesen mögt.

Rut 1,1-19a (Lutherbibel 2017) - Rut zieht mit Noomi nach Bethlehem
Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung! und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand hat mich getroffen. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

Im Buch Rut lernen wir zwei mutige Frauen kennen, die ihr Schicksal gemeinsam in die Hand nehmen. Beide haben ihren Mann verloren, beide sind kinderlos und daher ohne Altersabsicherung, beide müssen in einer von Männern dominierten Welt zurechtkommen. Das Ungewöhnliche ist, dass die beiden sich davon nicht einschüchtern lassen.
Noomi übernimmt die Rolle der weisen Matriarchin. Sie ist gütig und lebenserfahren, umsorgt ihre Schwiegertöchter wie die eigenen Söhne. Sie redet den beiden zu, in ihrem eigenen Land, ihrem vertrauten Kulturkreis zu bleiben, um erneut einen Mann zu finden. Damit hätten die beiden noch jungen Frauen die Perspektive, Kinder zu bekommen, Söhne, die sie im Alter versorgen.
Während Orpa dankbar diesen vernünftigen Ratschlag akzeptiert und sich tränenreich mitten auf dem Weg verabschiedet und nach Moab umkehrt, hält Rut ihrer Schwiegermutter die Treue.
Das Ungewöhnliche ist, dass Rut nicht nur gewillt ist, mit Noomi in ein fremdes Land zu ziehen, sondern auch dazu bereit, den jüdischen Glauben aus persönlicher Überzeugung anzunehmen. Rut weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob die Menschen im kleinen Dorf Bethlehem sie als Ausländerin und Zugereiste einfach so annehmen werden, selbst dann, wenn sie sich so bereitwillig integrieren möchte.
Noomi und Rut werden nicht als besonders fromm dargestellt. Dennoch legen sie ihre Zukunft in Gottes Hände. Dies kündigt sich in Vers 6 an. Der Anlass der Reise in Noomis alte Heimat Bethlehem ist, dass Gott dafür gesorgt hat, dass es im „Haus des Brotes“ (Übersetzung des Namens Bethlehem) wieder Brot zu essen gibt.
Wie nun Noomi und Rut einander weiter beistehen und sich ihre Situation unter Gottes Segen zum Guten wendet, das empfehle ich, wie gesagt, unbedingt selbst nachzulesen. Es lohnt sich.
Hervorheben möchte ich, dass ausgerechnet Rut, die Fremde aus dem Lande Moab, die erst durch ihre Schwiegermutter zum Glauben an den Gott Israels kommt, zur Stammmutter, zur Urahnin des Messias Jesus Christus wird.
Gott geht auch auf ungewöhnlichen Glaubenswegen mit uns mit. Er begleitet uns durch Schicksalsschläge, macht sich mit uns auf, zu neuen Ufern, zu neuen Lebensentwürfen, fernab dessen, was wir vorher gekannt haben.

Das Jahr 2021 ist noch jung.  Pläne zu machen, fällt schwer. Wir müssen es aushalten, das vieles noch im Unbekannten bleibt. Und doch müssen wir die Füße Schritt für Schritt voreinander setzen, wie Rut und Noomi das getan haben.

Ermutigend finde ich dieses Gedicht.
"Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegen gehen kann.
Der Engel des neuen Jahres antwortete:
Geh nur hin in die Dunkelheit und lege Deine Hand in die Hand Gottes. Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg"
Minnie Louise Haskins.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

2. Sonntag nach Epiphanias

Das Luxusproblem
Mein Mann und ich haben einen speziellen Ausdruck für eine Alltagssorge, bei der es um etwas geht, das schon unangenehm oder ungemütlich ist, aber um nichts Existenzielles. Wir nennen das „ein Luxusproblem“. Über ein Luxusproblem dürfen wir uns bei einander beschweren. Wir würden das aber nicht anderen gegenübertun, weil es uns nicht angemessen erscheint, angesichts wesentlich schlimmerer Probleme anderer Menschen. Ein zurzeit besonders dringendes Luxusproblem teilen wir vielleicht mit Ihnen und euch. Und weil wir ja hier unter uns sind, jammere ich mal ganz kurz: Ich finde es sehr blöd, dass mein Mann und ich schon lange Zeit keine Gäste mehr zum Essen empfangen haben. Wie gern würden wir lachend mit anderen an einem Tisch sitzen und gutes Essen und dazu ein Glas Wein genießen. Wahrscheinlich erfahre ich bei diesem Luxusproblem viel Zustimmung von Ihrer/ eurer Seite. Ich freue mich, dies einmal ausgesprochen und geteilt zu haben. Manchmal ist eben doch wichtig mit etwas unzufrieden sein zu dürfen, das in der neuen Pandemiesprache als „nicht systemrelevant“ bezeichnet wird. Umso erstaunlicher finde ich, dass es auch ein biblisches Zeichen gibt, wo Jesus so ein Luxusproblem löst:

Die Hochzeit in Kana, Johannes 2,1-11 (Basisbibel)
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt. Auch die Mutter von Jesus nahm daran teil. Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zur Hochzeitsfeier eingeladen. Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter von Jesus zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr!“Jesus antwortete ihr: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Doch seine Mutter sagte zu den Dienern: „Tut alles, was er euch sagt!“ Dort gab es auch sechs große Wasserkrüge aus Stein. Die Juden benötigten sie, um sich zu reinigen. Jeder Krug fasste zwei bis drei Eimer. Jesus sagte zu den Dienern: „Füllt die Krüge mit Wasser.“ Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: „Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem Festmeister.“ Sie brachten es ihm. Als der Festmeister einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden. Er wusste natürlich nicht, woher der Wein kam. Aber die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten Bescheid. Da rief der Festmeister den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: „Jeder andere schenkt zuerst den guten Wein aus. Und wenn die Gäste dann angetrunken sind, folgt der weniger gute. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.“ Das war das erste Zeichen. Jesus vollbrachte es in Kana in Galiläa. Er machte damit seine Herrlichkeit sichtbar und seine Jünger glaubten an ihn.

Man kann sich die Unruhe in einem frommen Bibelkreis vorstellen:
Statt Zöllner auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, Todkranke zu heilen oder Traurige zu trösten, rettet Jesus eine Hochzeitsfeier. Musste er denn wirklich rund 600 Liter Wein herstellen – so viel Alkoholisches, für ein sinnloses und gesundheitsschädliches Gelage? Wie kann dieses Verhalten angemessen sein, angesichts des kommenden Reiches Gottes, das Jesus selbst mit seinen Worten und seinem Handeln verkörpert?

Das Weinwunder von Kana ist das erste Zeichen Jesu im Johannesevangelium, weitere werden folgen, Heilungswunder, Speisungswunder, die auch mit dem Leben und den Lebensbedingungen der Menschen zu tun haben. Aber welche Perspektive wird da in Kana eröffnet, welche Weite, welcher Lebensraum! Es ist die Perspektive des Festes, der Freude, des Überflusses.

Wein steht traditionell im Judentum für die Lebensfreude. „Le Chaim!“ – „Aufs Leben!“ ist der dazu passende Spruch, mit dem man gemeinsam sein Glas erhebt.

Jesus hat mit diesem Weinwunder das Fest gerettet, das Fest des Lebens, zu dem er immer wieder einlädt. „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben im Überfluss.“ Das Fest, das hier im Johannesevangelium zu Beginn von Jesu Wirksamkeit gefeiert wird, bietet einen Vorgeschmack auf das, was uns in seinem Reich erwartet. Vor diesem Hintergrund scheint es nun eben kein Luxusproblem zu sein, wenn man sich selbst von dieser Fülle des Lebens, dem gemeinsamen Feiern und Genießen, ausgeschlossen fühlt.

Die Frage ist doch: Wie gehen wir damit um? Schließlich ist das derzeitige Gebot der Nächstenliebe ein paradoxes: einander fern zu bleiben anstatt gemeinsam zu feiern, um die Gesundheit der Mitmenschen nicht zu gefährden. Ich denke, es schadet nicht, den persönlichen Groll über die eigene Situation mit Gott zu teilen. Und dann, wenn man sein Herz erleichtert hat, kann man für sich selbst überlegen, welche Freuden im Alltag noch immer da sind und bislang zu selbstverständlich erschienen.

David Steindl Rast ist ein Benediktinermönch und spiritueller Lehrer, der sehr einfache Übungen empfiehlt, um täglich die eigene Dankbarkeit bewusst wahrzunehmen. Er setzt dabei auf Sinneswahrnehmungen. Ein Geschmack, ein Klang, ein Gedicht, eine Wolke am Himmel.  „Anhalten, Schauen, Gehen“ ist sein Grundprinzip und er lebt es so: „Bevor ich zu Bett gehe, blicke ich auf meinen Tag zurück und frage mich: „‘Habe ich innegehalten und mir erlaubt, mich vom Leben überraschen zu lassen? Oder trottelte ich einfach weiter? War ich zu beschäftigt, um Dankbarkeit spüren zu können? Und – wenn ich einmal innehielt – habe ich nach einer Gelegenheit für Dankbarkeit Ausschau gehalten? Und schließlich: War ich achtsam genug, mich der gegebenen Gelegenheit zuzuwenden und sie voll zu nutzen?’“ (…) „Mein Rezept für einen freudigen Tag ist einfach: anhalten und aufwachen – hinschauen und sich bewusst sein, was man sieht – dann weitergehen mit aller Achtsamkeit, die man für den gegebenen Augenblick aufbringen kann.  Abends auf einen Tag zurückzublicken, an dem ich diese drei Schritte immer wieder machte, ist wie einen Obstgarten voller Früchte zu betrachten.“

Ich wünsche Ihnen und Euch viel Geduld und Freude beim Entdecken der persönlichen Dankbarkeitsmomente. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach dem Feiern und Genießen halten wir in uns wach. Lasst uns Ausschau halten nach der Lebendigkeit Gottes und der Fülle des Lebens.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

1. Sonntag nach Epiphanias

Es gibt diese typischen Worte und Formulierungen, die wir hören und sofort wissen: „Das klingt biblisch!“ Oder „Das kenne ich aus dem Gottesdienst.“

Für diesen Newsletter habe ich mir vorgenommen, einige dieser typisch biblischen oder typisch kirchlichen Wörter neu zu erkunden und zu fragen: Was ist eigentlich damit gemeint? Immer dann, wenn ein biblischer Text oder ein theologisches Thema so einen Begriff aufwirft, freue ich mich mit Ihnen an dieser Stelle alte Worte neu mit Leben zu füllen. Los geht’s!

Barmherzigkeit - Die Jahreslosung für das Jahr 2021 steht in Lukas 6, Vers 36:
Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“


(veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis vom Adeo Verlag, Grafik: Eva Jung)

Auch in unseren Schaukästen hängt das Poster mit der graphischen Interpretation der diesjährigen Jahreslosung von Eva Jung. Beim Gestalten hatte sie wahrscheinlich die Leitfrage im Kopf: „Was würden wir heutzutage sagen, wenn wir das Wort „barmherzig“ meinen?“  Darum lässt sie auf die Betrachtenden ihrer Graphik eine ganze Kolonne an Eigenschaften in einem großen Schriftblock zurollen. Weiße Buchstaben auf buntem Grund drängen sich zwischen den gelb gedruckten Text der Jahreslosung. Viele gute Eigenschaften werden aufgereiht, die den Anklang des alten biblischen Wortes „barmherzig“ in sich tragen. Unter anderen werden dort genannt:

Mitfühlend, hingebungsvoll, entgegenkommend, empathisch, tolerant, ruhevoll…

Auch wenn mich die Fülle der Worte für einen Moment erschlägt, fallen mir zwei Dinge auf. Zum einen finde ich die Vielschichtigkeit und die Vielzahl der Eigenschaften, die zu dem Wort barmherzig passen, beeindruckend.
Zum anderen gefällt mir die Idee der Spiegelung in dieser Bibelstelle. Jesus sagt, unser menschliches Verhalten soll Gottes gutes Verhalten uns gegenüber wiederspiegeln, in allen Fassetten.

„Seid barmherzig, sagt Jesus, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ So wie Gott, der himmlische Vater, so auch wir. Gottesebenbildlich sollen wir handeln.

Spannend finde ich immer wieder, welcher biblischen Gedankenwelt ein Wort entstammt. Im antiken griechischen bzw. römischen Denken bedeutet oiktirmos bzw. misericordia das personifizierte Mitleid. Dem lateinischen Ausdruck misericordia entstammt unser deutsches Wort Barmherzigkeit – das Herz für die Armen oder das Mitgefühl für die Elenden.
In der jüdischen Tradition gibt es den hebräischen Ausdruck rachamim, der immer dann im Alten Testament benutzt wird, wenn eine der wichtigsten Gotteseigenschaften, die Barmherzigkeit, genannt wird.
Gott verhält sich vor allem seinem Volk Israel gegenüber barmherzig, dass er wie sein eigenes Kind betrachtet. Über Verfehlungen oder Sünden seines Volkes sieht er barmherzig hinweg und bleibt im Bund mit den Menschen aus dem Volk Israel.
Wenn man den hebräischen Ausdruck für Barmherzigkeit in die Mehrzahl setzt -rächäm -, bedeutet er Mutterschoß.
Der Mutterschoß ist der Ort, wo neues Leben heranwächst, der Ort, wo der kleine noch ungeborene Mensch geborgen ist und dem Herzschlag seiner Mutter lauscht.
Mir gefällt der Gedanke, dass Gottes Barmherzigkeit genau so einem Ort des Lebens, Wachsens und Geborgenseins entspringt.
Gott zeigt sich uns Menschen in seiner Barmherzigkeit. Bei ihm können wir uns in unserer Bedürftigkeit bergen, selbst dann, wenn wir etwas falsch gemacht haben und uns schuldig fühlen. Für einen Moment in Gott bergen und seinem Herzschlag lauschen.

Dieser schöne Gedanke führt mich zu der Frage:
Wie können wir Menschen diese großzügige und mütterliche Barmherzigkeit Gottes würdig widerspiegeln?
Wie können wir unser Herz zeigen für die, die unsere Hilfe oder unser Mitgefühl benötigen?
Das bringt mich zurück zu der Fülle an Eigenschaften, die Eva Jung uns in ihrer Graphik vor Augen hält.
Barmherzig gegenüber unseren Mitmenschen zu handeln, erfordert einen Blick für die Vielfältigkeit menschlicher Bedürfnisse und Empfindungen.
Wer braucht heute meine Fürsorglichkeit? Wem zeige ich heute meine feinfühlige Seite? Wen lasse ich meine Warmherzigkeit spüren? Wo wird meine Wohltätigkeit dringend benötigt?
Angesichts des Abstandsgebots dieser Tage, ist das Üben der Barmherzigkeit eine besondere Herausforderung. Schon unter normalen Umständen ist es schwierig, hinter den eigenen blinden Fleck zu sehen und zu erkennen: Wer braucht mich? Um wieviel schwieriger ist es in Zeiten des Lockdowns, wo so viele drohen in der Isolierung zu verschwinden. Selten das Üben dieser Tugend also wichtiger als jetzt. Darum wünsche ich Ihnen und Euch viel Kreativität beim Üben der Barmherzigkeit in Ihren und euren Familien, beim Briefeschreiben, Telefonieren und Zoomen, auf Abstandsspaziergängen und beim Zeitunglesen (durch Gebet).

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

4. Advent

„Die Adventszeit ist eine Zeit der Freude und Hoffnung, eine Zeit, in der wir mit unserer Sehnsucht nach Frieden, zu Gott kommen können und alles Belastende bei ihm lassen können. Die Adventszeit ist auch eine Zeit des Innehaltens, in der wir aufatmen können, in der wir zu uns kommen und uns bereit machen können auf das Fest“.
Das habe ich im Newsletter zum letzten Sonntag geschrieben. Jetzt sitze ich an dem Artikel für den Newsletter zum kommenden Sonntag und denke: Eine Zeit der Freude und Hoffnung?
So viel ist in den letzten Tagen schon wieder passiert. Mir die Freude und Hoffnung zu bewahren ist da schon eine herausfordernde Aufgabe. Wir sagen Gottesdienste ab. Am Heiligen Abend. Für viele Menschen ist dieser Gottesdienst der einzige, den sie in diesem Jahr besuchen wollten. Für manche, weil sie sonst sowieso nie zur Kirche kommen, der Gottesdienst mit dem Krippenspiel aber zu einem schönen Weihnachtsfest dazugehört. Für andere, weil sie in diesem Jahr mit den besonderen Umständen auf Gottesdienstbesuche verzichtet haben. Zu „normalen“ Zeiten hätte der Besuch des Gottesdienstes am Heiligen Abend für einige Menschen in unseren Gemeinden das Gefühl der Einsamkeit und des Verlorenseins vielleicht einen Augenblick lang unterbrochen und Trost ermöglicht. Und jetzt? Wir werden versuchen, den Trost mit der „Offenen Kirche“ zu ermöglichen. Doch reicht das aus?
Vor einigen Tagen habe ich den Satz gehört: „Wir müssen Weihnachten nicht retten, Weihnachten rettet uns.“ Ja, das ist unsere Hoffnung als Christen und Christinnen: Dass wir gerettet werden, aus unseren Sorgen gerissen werden, aus unseren Verstrickungen in Schuld und Ängsten befreit werden. Die Sehnsucht nach Rettung und Befreiung von allem, was uns belastet, ist schon groß, uns vielleicht nicht immer so bewusst, weil wir gern Schwieriges verdrängen und uns nicht gern damit befassen, dass wir auch gefordert sein könnten, unsere Haltung zu ändern, uns zu öffnen für den, der da kommt: GOTT.
„Gott kommt uns auf unseren manchmal schon sehr verschlungenen Wegen entgegen, immer schon, auch wenn wir gar nicht damit rechnen“, habe ich letzte Woche geschrieben. Darauf sollen wir vorbereitet sein. Sind wir das?
Letzten Sonntag abend hatte ich ein gutes Gespräch. Gott kommt, und wir müssen es zulassen, dass er kommt. „Und das ist nicht immer witzig“, meinte meine Gesprächspartnerin. Nein, das ist nicht immer witzig. Das erfordert schon einiges von uns, zuzulassen, dass Gott zu uns kommt. Nicht die Menschen im Allgemeinen sind gemeint – jede und jeder einzelne persönlich ist gemeint. Und das kann bedeuten: einfach mal alles stehen und liegen lassen und sich auf das einlassen, was da neu zu sehen, zu hören, zu erleben ist – wie die Hirten auf dem Feld. Als die dann wieder in ihr Leben zurückkehrten, war für sie alles anders geworden. In ihre Nacht hinein hatte der helle Stern der Hoffnung gestrahlt. Das hätten sie aber nicht bemerkt und verschlafen, wenn sie sich darauf nicht eingelassen hätten. Waren die Hirten vorbereitet? Nein. Aber sie waren bereit, alles stehen und liegen zu lassen, aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen zu dem, der ihnen gleichsam entgegen kommt, in ihre Welt kommt.

Ich wünsche Ihnen und Euch, dass dieses Weihnachtsfest trotz allem, was anders und ungewohnt sein wird, zu Ihrem und Eurem ganz eigenen, persönlichen Weihnachtsfest wird.

Am Sonntag wird das Lied 16 aus dem Gesangbuch der Predigttext sein:

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

3. Advent

Im Buch des Jesaja (Kapitel 40, 1-11) finden wir Worte, die in der Adventszeit in den Kirchen oft als Predigttext zu hören sind:

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg. Macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
„Predige!“ fordert Gott ihn auf. Doch: „Was soll ich predigen?“ ist Jesajas Antwort. Ja, was soll man sagen angesichts der Wüste, die dunkel ist, angesichts der heillosen Ungeordnetheit unserer Welt? Was soll man sagen angesichts der Fülle an Problemen, Krisen, politischen Debakeln? Was soll man sagen angesichts gestörter zwischenmenschlichen Beziehungen, Hass, Gewalt und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen? Was soll man sagen angesichts der Einsamkeit und der Ohnmachtsgefühle und des Leidens vieler Menschen in unserer näheren und ferneren Umgebung? Und was soll man sagen angesichts unserer Kirchen, in denen manche Menschen ihre geistliche Heimat nicht mehr finden können?

„Tröstet, tröstet mein Volk!“ Jesaja ist nicht aufgefordert, eine Gerichtspredigt zu halten. Er soll freundlich zu den Menschen reden, soll trösten, Hoffnung geben, Licht in ihre Dunkelheit bringen, ihnen sagen: Ihre Schuld ist ihnen vergeben. Die Knechtschaft hat ein Ende. Eine neue Zeit bricht an. Die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinem Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
Jesaja ruft die neue Zeit aus. Eine frohe Botschaft. Die Menschen sind frei für ein neues Leben, hoffnungsfroh, den Blick nicht mehr gesenkt, sondern nach vorn gerichtet. Sie haben wieder eine Zukunft, die Sehnsucht nach einem freien Leben, einem erlösten Leben hat einen guten Grund bei Gott.

Das ist die Botschaft der Adventszeit. Der Herr kommt zu uns, kommt uns entgegen. Er kommt in die Wüste. Er sieht die Menschen in ihrer heillosen Verstrickung, sieht, wie die Ängste sie gefangen halten und niederdrücken. Und wir Christen glauben: Der da den Menschen entgegenkommt, ist Gott im Menschen Jesus. Mit Jesus kommt die neue Zeit. Und so erzählen es die Überlieferungen in den Evangelien: Jesus kommt zu den Menschen, die am Rand stehen. Er spricht mit denen, für die andere kein Wort übrighaben. Er heilt die Menschen, die an zerbrochenen Beziehungen leiden. Er zeigt denen, die in ihrem Leben keinen Sinn sehen, dass sie für Gott wertvoll sind, seine Geschöpfe, seine Kinder, seine Menschen. Gott wendet sich den Menschen zu.

Wenn wir heute diese Botschaft lesen oder hören, dann hören wir auch etwas von den Glaubenserfahrungen der Menschen, die damals diese Botschaft gehört und in sich aufgenommen haben. Für sie war das eine Antwort auf ihre Sehnsucht nach einem Gott, der sie befreit aus allem, was bedrängend und belastend ist. Für sie war das die Hoffnung, dass Gott sie neu auf die Füße stellt, einen neuen Weg zeigt, den sie gehen können. Und wir können uns in diese Erfahrung des Glaubens und der Sehnsucht hineinnehmen lassen. Denn diese Sehnsucht kennen wir auch: dass wir ein erfülltes Leben leben können. Dass wir uns freuen können über vieles, was uns im Leben begegnet – im Kleinen wie im Großen. Dass wir uns gut aufgehoben fühlen, beschützt und begleitet von Gottes gutem Geist. Gott kommt uns entgegen, jeden Tag, manchmal unscheinbar, im Kleinen, im Alltäglichen. Oftmals fällt es uns schwer, das zu erkennen. Dann nehmen die Sorgen vielleicht überhand, schlimme Bilder, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, sind schwer zu ertragen, oder der Zorn ist zu groß. Dann hilft es, einmal innezuhalten und sich zu erinnern: Gott kommt uns entgegen, Gott kommt mir entgegen, immer schon. Vielleicht habe ich das sogar gespürt: in einem Lächeln, in einem guten Wort, das mir jemand sagt, in einem Gespräch, das mir gutgetan hat, in einem Sonnenstrahl, den ich auf der Haut spüre ... Vielleicht fällt Ihnen eine solche Begegnung auch ein?

Die Adventszeit ist eine Zeit der Freude und Hoffnung, eine Zeit, in der wir mit unserer Sehnsucht nach Frieden, zu Gott kommen können und alles Belastende bei ihm lassen können. Die Adventszeit ist auch eine Zeit des Innehaltens, in der wir aufatmen können, in der wir zu uns kommen und uns bereit machen können auf das Fest, das wir jedes Jahr immer wieder feiern, weil wir uns daran erinnern wollen: Gott kommt uns auf unseren manchmal schon sehr verschlungenen Wegen entgegen, immer schon, auch wenn wir gar nicht damit rechnen. Immer schon, jeden Tag, strahlt dieses einmalige Ereignis in unser Leben hinein.

AMEN

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

2. Advent

Mache dich auf und werde licht!
Mache dich auf und werde licht!
Mache dich auf und werde licht;
denn dein Licht kommt!

(Lied 537 im EG)

Mache dich auf und werde licht;
denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!

(Jesaja 60, 1)

Jesaja kennt sich aus mit hoffnungslosen Situationen, mit schweren Zeiten, in denen sich kein Funke der Lebensfreude mehr regen mag und Resignation wie eine dunkle Wolke schwer über den Gemütern hängt. Und trotzdem: Er fordert die Menschen seiner Zeit auf, nicht im Dunkeln zu verharren. Es hilft nicht, zu jammern und zu klagen. Es hilft nicht, in Selbstmitleid zu erstarren und ohnmächtig zuzusehen, wie alles nur noch schlimmer zu werden scheint. Mache dich auf, sagt Jesaja den Menschen, werde licht, werde hell, strahle Freundlichkeit, Hoffnung, Zuversicht aus. Wende dich den Mitmenschen in deiner Umgebung zu. Schenke ihnen deine Aufmerksamkeit. Bringe ihre Gesichter zum Strahlen. Denn das ist die Zuversicht, die dein Leben hell macht: Die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir, über uns. Gott ist bei uns.

Licht macht die Zeit des Wartens hell.
Wir warten nicht auf  Dunkelheit.
Wir warten nicht mit Bangen auf das, was da auf uns zukommt.
Das Licht macht unser Warten hell.
Je länger wir warten, desto heller strahlt das Licht.
Wir warten voller Hoffnung.
Wir warten voller Vorfreude auf das, was da auf uns zukommt, was uns verheißen ist:
Gott ist bei uns.

Licht der Hoffnung
Unsere Hoffnung ist nicht einfach ein Traum.
Unsere Hoffnung ist Wirklichkeit.
Von ihr, mit ihr leben wir.
Unsere Hoffnung macht unser Leben hell,
macht uns stark für das, was auf uns zukommt, was uns verheißen ist:
Gott ist bei uns.

Licht des Friedens.
Frieden spüren wir, wenn wir zusammen sind, miteinander singen, hören, beten,
miteinander warten, hoffen und uns freuen.
Frieden – Gottes helle Gegenwart mitten unter uns.
Frieden, der höher ist als alles, was wir fassen, denken, träumen können.
Frieden, der uns verheißen ist:
Gott ist bei uns

Licht der Freude.
Im Dunkeln leuchtet uns ein Licht.
Bei allem, was uns Angst macht,
was uns traurig macht, was uns zweifeln, verzweifeln lässt – im Dunkeln leuchtet uns ein Licht,
erwärmt unsere Herzen, entzündet in uns Freude über das, was da auf uns zukommt, was uns verheißen ist:
Gott ist bei uns.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

1. Advent

Kennen Sie die biblische Geschichte von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen? Sie steht im Matthäus-Evangelium (Mt 25, 1-13) und ist ein Gleichnis vom Warten auf bessere Zeiten, auf das Reich Gottes. Das Warten ist eine schwierige Übung, selbst dann, wenn es ein Warten auf ein Ereignis ist, dem man mit Vorfreude und einer gewissen Spannung entgegensieht. Wenn dieses Ereignis zu lange auf sich warten lässt, wird man müde. So geht es den jungen Frauen, von denen hier erzählt wird. Das lange Warten macht sie müde. Sie schlafen ein. Das ist verständlich, schließlich ist es tiefe Nacht. Und es sind ja auch Wächter da, die die jungen Frauen rechtzeitig wecken können, als das erwartete Ereignis beginnt: Siehe, der Bräutigam kommt! Und nun zeigt es sich: auf der einen Seite sind die Klugen, die sich vorbereitet haben, die dafür gesorgt haben, dass ihre Lampen nicht ausgehen werden, weil sie genügend Vorrat an Öl bereit haben. Auf der anderen Seite sind die Törichten, die einfach losgelaufen waren und gar nicht darauf geachtet haben, dass ihre Lampen irgendwann verlöschen könnten, weil sie eben nicht für den nötigen Vorrat an Öl gesorgt haben. Jetzt, wo sie ihren Fehler bemerken, ist es zu spät: Sie kommen zu spät, das Fest hat begonnen, die Tür ist zu, sie werden nicht mehr hineingelassen in den Festsaal.

Warum ist der Gastgeber scheinbar so unbarmherzig? Und warum wollen die klugen Frauen eigentlich ihr Öl nicht mit den anderen Frauen teilen?

Die Lampen können nur dann entzündet werden, wenn sie vorher ausreichend mit Öl versorgt worden sind. Das Licht ist nicht teilbar, jede von den Frauen hat ihr eigenes Licht, das je für sich leuchtet. Mein Licht leuchtet für mich, in mir. Ich kann mein Licht leuchten lassen für andere, vor anderen. Zum Leuchten gebracht werden kann mein Licht aber nur dann, wenn ich dafür empfänglich bin, bereit bin. Die klugen jungen Frauen können leuchten. Sie sind vorbereitet. Sie haben die Aufforderung, für das Fest vorbereitet zu sein, ernst genommen. Sie sind erfüllt von der Erwartung, von der Hoffnung, von der Freude auf das Kommen des Bräutigams, ihres Gastgebers. Auch wenn sie geschlafen haben – als der Bräutigam da ist und sie einlädt, sind sie bereit. An ihrem Licht werden sie erkannt.

Die törichten Frauen haben sich sicher auch auf dieses Fest gefreut. Sie wollten dabei sein, wenn der Bräutigam kommt und sie in seinen Festsaal einlädt. Zu spät erkennen sie, dass sie nicht vorbereitet sind. Zu spät erkennen sie, wie ernst die Einladung gemeint gewesen war. Dass es eine Einladung war, die man auf keinen Fall verpassen sollte. Dass der Bräutigam nicht irgendein beliebiger Gastgeber ist. Der Bräutigam erkennt sie nicht. Ihr Licht ist am Verlöschen. Sie haben sich zwar Öl gekauft, doch offensichtlich brennt es nicht. Diese Haltung des Bereitseins, diese Hoffnung, die Freude kann man sich nicht mal eben schnell erkaufen. Diese Haltung muss wachsen, reifen, eine lange Wartezeit überdauern können. Auch wenn das Warten ermüden kann. Auch wenn man vielleicht sogar über die Zeit vergisst, worauf man wartet. Darum ist es gut, wenn wir Zeiten und Gelegenheiten haben, in denen wir uns erinnern können, dass sich das Warten lohnt. Darum ist es gut, wenn wir diese Zeit des Advents, die Zeit des Wartens auf die Ankunft Jesu Christi feierlich begehen. So können wir uns unserer Hoffnung immer wieder gewiss werden, uns gegenseitig in der Hoffnung auf den Kommenden stärken, und dadurch den Zuspruch erfahren, der unsere Hoffnung erhält, unser Licht hell leuchten lässt. Das Licht, das hoffnungsvolle Freudenlicht, es leuchtet in uns, wenn wir es am Brennen halten. So sind wir bereit, wenn der Bräutigam kommt und uns zum Fest in seinen Festsaal lädt.

Licht der Freude.
Im Dunkeln leuchtet uns ein Licht.
Bei allem, was uns Angst macht, was uns traurig macht,
was uns zweifeln, verzweifeln lässt – im Dunkeln leuchtet uns ein Licht,
erwärmt unsere Herzen, entzündet in uns Freude über das, was da auf uns zukommt,
was uns verheißen ist: Gott ist bei uns.
Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Letzter Sonntag des Kirchenjahres/Ewigkeitssonntag

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen,
dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
(Jesaja 65, 17)

Eine neue Erde
was für ein Traum
keine Tränen, kein Schmerz
keine Gewalt, kein Hass
keine Lüge, kein Betrug
kein Hunger, keine Dürre
kein Unrecht, keine Ungerechtigkeit

Eine neue Erde
was für ein Traum
Trost für die, die weinen
Heilung für die Verletzten
Zärtlichkeit und freundliches Entgegenkommen
Wahrhaftigkeit und ehrliches Miteinander
Brot, das alle miteinander teilen

Eine neue Erde
Was für ein Traum
Belastendes wird abgeworfen
Ketten der Angst werden gesprengt
Sorgen bedrücken nicht mehr das Herz
Gedanken können sich frei entfalten
Aufatmen, fröhlich sein
Lebensmut, Hoffnung schöpfen

Und über allem
ein neuer Himmel
Gottes reicher Segen umspannt das Leben
Schutz
Freiheit
Zukunft

Ein neuer Himmel, eine neue Erde
was für ein Traum – nur ein Traum?
Gott will diesen Traum träumen, mit uns
Gott schenkt uns diesen Traum
als Licht der Hoffnung, das die Traurigkeit erhellt
Schritt für Schritt, Stück für Stück, Augenblick für Augenblick
wird dieser Traum unsere Wirklichkeit ausleuchten
und verändern.

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht;
es hat Hoffnung und Zukunft gebracht;
es gibt Trost, es gibt Halt
in Bedrängnis, Not und Ängsten,
es ist wie ein Stern in der Dunkelheit.
(Lied 591, EG)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres/Volkstrauertag

Der Volkstrauertag hat für viele Menschen eine tiefe Bedeutung – auf unterschiedliche Weise und aus verschiedenen Gründen. An diesem Tag denken wir an die Menschen, die in zwei grausamen Kriegen und unter der furchtbaren Herrschaft der Nationalsozialisten leiden mussten und Opfer wurden. An diesem Tag wird uns auch bewusst, wie wenig die Menschen aus ihren leidvollen Erfahrungen und ihrer Geschichte gelernt haben. Krieg und Vertreibung ist in der Welt alltäglich. Kriege finden auch im kleinen Rahmen statt, oft direkt vor unserer Haustür. Gewalt gegen Ausländer, Anschläge, Vergewaltigungen, Morde, das ist im Grunde Krieg zwischen Menschen in einer Gesellschaft. Gewalt macht uns Angst. Ob wir Gewalt direkt erfahren, an Leib und Seele zu spüren bekommen, ob wir uns daran erinnern, wie es war, als wir Gewalt erleiden mussten, ob wir direkt oder über die Bilder in den Medien Zeugen der Gewalt werden – wir fühlen die Bedrohung, haben Angst um unser Leben, um unsere Existenz. Viele Menschen in unserem Land, viele von Ihnen haben Bedrohung, Feindschaft, Gewalt schon am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren, viele von Ihnen kennen die Angst, die das Leben bestimmen, ja aufzehren kann. Viele haben diese Angst erlebt, im Krieg, während der Zeit des Nationalsozialismus, in der Zeit der Verfolgung und Vertreibung. Die jüngeren Generationen kennen die Angst vor Gefahren, die als lebensbedrohlich empfunden werden: die atomare Bedrohung, die Zeit des „Kalten Krieges“, die Bedrohung des Lebens durch irreparable Schäden in der Natur, aber auch Gewalt – auf der Straße, in den Schulen. Selbst Grundschulkinder kennen diese Angst schon. Angst, das Leben könnte bedroht sein. Die Angst, es könnte den Frieden, den wir uns so sehr wünschen, um den wir uns immer wieder bemühen, es könnte diesen Frieden am Ende vielleicht gar nicht geben. Es ist die Angst, dass letztlich Frieden zwischen den Menschen unmöglich ist, dass es eigentlich gar keine Hoffnung gibt. Wie gehen wir mit dieser Angst um? Wie sollen wir leben mit dieser Angst?

Im 138. Psalm lesen wir: Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich.

Dieser Mensch, der das hier ausspricht, weiß, wie es ist, in Angst zu leben.

Die Psalmen kennen vielfach Bilder der Angst. Im 69. Psalm heißt es: Das Wasser geht mir bis an die Seele. Ich versinke im tiefen Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.

Angst kann mich herabziehen, mir den Boden unter den Füßen nehmen. Angst kann mich verschlingen, ersäufen. Und nirgendwo ist Hilfe, niemand hört mein Schreien.

Im 22. Psalm heißt es: Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt. Ihren Rachen sperren sie auf gegen mich wie ein brüllender und reißender Löwe. Hunde haben mich umgeben und der Bösen Rotte hat mich umringt. Ich kann alle meine Knochen zählen, sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.

Man kann die Angst nachspüren, wenn man das hört und liest. Angst zerstört meine Seele. Ich fühle mich umzingelt, von Feinden bedrängt, ihnen und meiner Angst bin ich hilflos ausgeliefert. Die Erfahrung, dass andere gleichgültig oder gar hämisch auf mich herabsehen, lässt meine Angst ins Unermessliche und Unerträgliche wachsen.

Die Sprache dieser Psalmen ist geprägt von ausdrucksstarken und drastischen Bildern. Es gibt keine Worte mehr, die diese Lebensangst beschreiben könnten. Es gibt aber noch Bilder, die das Erleben und Fühlen ausmalen können. Es sind Bilder, mit denen wir auch in unseren Träumen Angst verarbeiten. In den Psalmen sprechen Menschen aus, was sie in der Tiefe der Seele bewegt. So wie sie in den Träumen verarbeiten, was sie in der Tiefe der Seele bewegt.

Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich. Die Menschen, die in den Psalmen von ihrer Angst sprechen, kennen nur noch eine Adresse, an die sie ihren verzweifelten Schrei richten können: Gott. „Gott, hilf mir“ rufen sie, selbst in dem Gefühl der Gottverlassenheit. Gott ist die letzte Hoffnung, wenn es die nicht mehr gibt, gibt es nur noch den tiefen Schlamm der Angst. Allein, dass sie ihrem Gott ihre Angst sagen können, dass sie ihn ihre Verlassenheit und Verzweiflung entgegenschreien können, ist wichtig für sie, die „Erste Hilfe“. Sie rufen nicht ins Leere, und das gibt ihnen Halt.

Wenn ich mitten in der Angst wandle so erquickst du mich. Welch tiefes Vertrauen steckt in diesem Satz. Gott gibt meinen Füßen Halt. Er lässt mich nicht im tiefen Schlamm versinken. Er lässt nicht zu, dass die Flut über mir zusammenschlägt. Er gebietet den Fratzen und reißenden Rachen Einhalt. Er richtet mich auf und lässt mich nicht im Dreck liegen. Er sagt mir zu, dass ich wertvoll bin, dass mein Leben einen Sinn und einen Wert hat. Er sagt mir seinen Schutz zu. Er erhält mich am Leben.

Das ist das Schöne an den Psalmen: Die Menschen, deren Stimme wir da hören können, sprechen zwar viel von bedrohlichen, schlimmen Lebenserfahrungen. Sie sprechen aber auch von ihrer großen Hoffnung, die manchmal fast zu verschwinden scheint, dann aber doch wieder stark werden kann. Sie halten fest an ihrer Hoffnung, und die Hoffnung hält fest an ihnen. Und diese Hoffnung ist bei Gott, der sie erquickt, wie es so schön heißt, der ihnen neuen Mut und neue Kraft gibt, so dass sie weiter ihren Weg gehen können, getröstet und zuversichtlich.

Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

Paulus schreibt an die Christengemeinde in Rom. Er hat die Gemeinde bislang noch nicht kennengelernt. Und die Gemeinde kennt ihn auch nicht. Paulus findet: Es wird Zeit, dass er und die Christen in Rom miteinander in Kontakt kommen.

Denn ich möchte euch so gerne einmal treffen. Ich möchte euch gerne etwas von der Gabe weitergeben, die mir vom heiligen Geist geschenkt wurde. Dadurch möchte ich euren Glauben stärken. Oder besser gesagt: Ich möchte, dass wir uns bei meinem Besuch gegenseitig ermutigen durch den Glauben, der uns verbindet – ihr mich durch euren Glauben und ich euch durch meinen Glauben.
(Römerbrief 1, 11-12)

Den Glauben miteinander teilen;
sich gegenseitig bestärken und Halt geben;
das, was alle verbindet, miteinander erfahren, auch wenn man sich nicht kennt;
sich gegenseitig Mut machen und Kraft geben, als Christen und Christinnen in einer Welt zu bestehen, die einem das Gottvertrauen nicht einfach macht:
All das gelingt in der räumlichen Distanz nur schwer. Zu Paulus‘ Zeiten war die Kommunikation per Brief ein langwieriges und schwieriges Unterfangen. Es gab kein Post-System. Bis der Brief bei der römischen Gemeinde angekommen war, dauerte es unter Umständen Wochen – wenn er denn überhaupt seinen Adressaten erreichte. Das ist heute kaum vorstellbar im Zeitalter des Internet und der Kommunikationswege, die blitzschnell Distanzen überwinden können. Aber transportiert Schriftverkehr und auch unsere schnellen Kommunikationswege tatsächlich alles, was wir voneinander wissen wollen? Reicht das aus, damit wir uns wirklich verstehen können? Können wir uns so kennenlernen? Können wir uns so nahe sein?

Denn ich möchte euch so gerne einmal treffen, schreibt Paulus. Er braucht den direkten Kontakt. Er möchte wissen, wie es den Leuten geht. Er möchte sehen, wie sie leben und wie sie aussehen, wenn sie fröhlich oder wenn sie traurig sind. Und hören, wie ihre Stimmen klingen, wenn sie von ihrem Glauben erzählen oder von ihren Problemen. Und er möchte, dass die Christinnen und Christen in Rom ihn auch so kennenlernen können – als ganzen Menschen, mit seiner Stimme und seinen Stimmungen, mit seiner Haltung und seinem aufrechten Gang.

Wenn wir einen Menschen kennen und er uns vertraut ist, können wir vielleicht erahnen, welche Stimmung in der Stimme am Telefon oder im Video-call mitschwingt. Aber so richtig erspüren, wie es dem anderen geht, können wir doch eigentlich nur, wenn er uns gegenüber steht. So lässt sich wohl erahnen, wie es Paulus mit den römischen Christinnen und Christen ergangen ist.

Denn ich möchte euch so gerne einmal treffen, schreibt Paulus: Ich möchte mit euch ins Gespräch kommen darüber, was euch bewegt, was mich bewegt. Über den Glauben, der bei jedem und jeder von uns ganz unterschiedlich aussieht, der aber eine gemeinsame Grundlage hat. Darüber, was den Glauben in unseren Zeiten schwer macht. Und darüber, was der Glaube uns in diesen Zeiten leichter macht: Hoffnung weitergeben, miteinander beten – auch über die Distanz hinweg, im Vertrauen auf unseren Gott, der hilft und uns Zuversicht gibt: Alles wird gut.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

20. Sonntag nach Trinitatis

Der Herr macht die Gefangenen frei.
(Ps 146, 7)

Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.
(Joh 8, 36)

Freiheit
- ein Sehnsuchtswort.
Wann bin ich wirklich frei?

Gefangen
- in Ängsten und Sorgen,
im Alltagstrott.
Aufgaben müssen erledigt werden.
Die Pflicht ruft.
Ich muss effizient arbeiten.
Ich muss gut aussehen.
Ich darf nicht schwitzen.
Ich darf mich nicht von Unwesentlichem ablenken lassen.
Ich muss immer freundlich und höflich sein.
Und: Abstand halten – Mund-Nasen-Schutz – so wenig wie möglich, so viel wie nötig bewegen.
Nicht aus der Haut fahren!
Kein böses Wort!
Keine Ungeduld!
Keine Ausrufezeichen!

Freiheit
- ein Sehnsuchtswort
Wann bin ich wirklich frei?

Ich gehe raus, an die frische, feuchte, kalte Herbstluft.
Ich atme auf, ich atme durch.
Die Gedanken sortieren sich. Sie werden klar.
Meine Ängste und Sorgen bestimmen nicht mehr mein Denken.
Mein Alltagstrott ist durchbrochen.
Ich habe Zeit für das Du darfst.
Ich muss gar nicht aus der Haut fahren, brauche keine Ausrufezeichen,
ich stehe zu meinen Fragezeichen.
Du machst mich frei, Gott.
Mein Vertrauen darauf, dass du da bist, jetzt, hier, immer
meine Hoffnung, dass alles gut wird,
trotz allem, was belastet und bedrückt und schwierig ist
- das ist meine Freiheit.
Du machst mich frei, mein Gott.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

18. Sonntag nach Trinitatis

Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern.
Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?
Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?
Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.
(5. Mose, 30, 11-14)

Keine Einladung
Kein: Wenn du möchtest, kannst du dieses oder jenes machen, denken, sagen. Was zu tun und zu lassen ist, das ist Gottes Gebot, das Gebot der Stunde. Das ist jetzt dran.

Keine Ausrede
Kein: Das ist doch unrealistisch. Das ist zu viel verlangt. Das passt jetzt gerade überhaupt nicht. Das muss jemand anderes machen. Du bist gefordert, mit deinem Einsatz, mit deiner Kraft und deinem Können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Das alles hat nichts mit dir zu tun?
Doch, und du weißt, was zu tun ist. Tief in deinem Herzen, in deiner Seele ist Gottes Wort fest verankert. Als Gebot. Und als Zuspruch: Du kannst, du wirst es tun, wenn du mein Gebot hörst.

Das Wort Gottes, nahe bei dir, in deinem Herzen und in deinem Munde

Sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.

Auch das ist Gottes Wort: Hoffnung, die mich trägt. Zuversicht, die mich stark macht. Schutz, der mich frei macht, zu tun und zu sagen, was das Gebot der Stunde ist.

Die Stille hilft mir, Gottes Wort in meinem Herzen zum Klingen zu bringen. Einmal Innehalten, in sich hineinhorchen, entdecken, was ich eigentlich schon weiß: Das Wort Gottes, die Zusage seines Segens und sein Gebot, aus diesem Segen heraus zu leben, zu handeln und zu reden, dieses Wort Gottes ist ganz nahe bei dir – nicht zu fern und nicht zu hoch.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

17. Sonntag nach Trinitatis - Erntedank

Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.
(Psalm 145, 15-16)

Warten
Wir sind es nicht gewohnt zu warten.
Wenn wir etwas haben wollen, nehmen wir es uns.
Wenn wir etwas brauchen, gehen wir davon aus, dass es zur Verfügung steht.

Warten erfordert Geduld.
Wenn ich warte, muss ich mir Zeit nehmen. Vielleicht ist es die Zeit, in der ich mir im Klaren darüber werde, welche Speise ich brauche, was mir jetzt wirklich guttun würde. Oder es ist die Zeit, in der ich feststelle: Ich brauche gerade nichts. Ich bin gut gesättigt. Aber meine Nachbarin braucht gerade Zuwendung, Trost, ein gutes Wort. Der Mann dort an der Straßenecke braucht gerade etwas zu essen. Das Kind, das allein auf dem Spielplatz hockt, braucht gerade einen Freund zum Spielen.
Warten kann bedeuten: Innehalten. Meine Umgebung, die Menschen um mich herum bewusst wahrnehmen. Entdecken, was wichtig ist und was nicht.

Warten kann die Augen öffnen.
Für den Anderen, für mich, für Gott: Aller Augen warten auf dich, Herr.
Augen können widerspiegeln, wie es der Seele gerade geht. Sie sehen traurig oder voller Freude in die Welt. Ihr Blick richtet sich eher nach innen oder neugierig auf das, was draußen passiert. Sie blicken resigniert oder voller Hoffnung, hungrig oder satt und zufrieden, skeptisch oder zuversichtlich.

Aller Augen warten auf dich, Herr.

Wir warten auf Gott und freuen uns, wenn wir spüren können: Gott ist in unserer Mitte, wenn wir gemeinsam Gottesdienst feiern. Gott führt uns zusammen, wenn wir im Pfarrgarten unseren Erntetisch aufbauen. Sein Geist ist bei uns, wenn wir singen und beten. Er ist dabei, wenn wir Gemeinschaft erleben. Er gibt uns, was wir brauchen, wenn wir es brauchen: Du gibst uns Speise zur rechten Zeit. Lassen Sie uns/lasst uns das an diesem Sonntag dankbar feiern!

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

16. Sonntag nach Trinitatis

Der Geist, den Gott uns geschenkt hat, lässt uns nicht verzagen. Vielmehr weckt er in uns Kraft, Liebe und Besonnenheit. Schäme dich also nicht, als Zeuge für unseren Herrn aufzutreten. (2. Timotheus-Brief 1, 7-10)

Diese Worte sind der Beginn des Predigttextes für den nächsten Sonntag. Beim ersten Lesen ist mir sofort aufgefallen: Kraft, Liebe, Besonnenheit – und nicht Verzagtheit! – sollen uns leiten in unserem Leben, in unserem Glauben, in unserem Gemeindeleben. Und: Schäme dich nicht, dich zu Jesus Christus zu bekennen.
Einiges steht an in der nächsten Zeit, was wir in unseren Gemeinden zu bedenken haben: Die Feiern der „großen“ Gottesdienste – wie wir feiern können und wollen, wird schon diskutiert. Und wir sind da durchaus nicht einig. Wie können wir diese Diskussionen gut und konstruktiv führen, so dass wir dann auch wirklich alle gemeinsam feiern können?
Die Wahlen zum Kirchenrat im nächsten Frühjahr – wie kann die Arbeit des Kirchenrates so gestaltet werden, dass alle, die ein Interesse am Weiterbestehen der Gemeinden und am Aufbau von Gemeindeleben haben, zu Wort kommen und mitarbeiten können, ohne sich aufreiben und zermürben zu lassen? Auch hier sind wir immer wieder im Gespräch und brauchen viele Stimmen und viel Engagement im Mittun und Mitdenken.
Kraft, Liebe, Besonnenheit – sind uns geschenkt durch den heiligen Geist. Das schützt uns nicht davor, dass wir miteinander streiten und Meinungsverschiedenheiten austragen müssen. Aber es bewahrt uns davor, unbesonnen und respektlos miteinander umzugehen: Jede und jeder hat etwas beizutragen in den Diskurs darüber, wie wir nicht nur in diesen Zeiten, sondern grundsätzlich Gemeinde sein wollen und können. Kraft, Liebe, Besonnenheit ermöglichen uns, uns einander zu öffnen, aufeinander zu hören und miteinander aktiv zu werden. Und nicht zuletzt: miteinander zu feiern! Übrigens: Wenn uns das gelingt, brauchen wir uns nicht zu schämen, uns als seine Gemeinde in aller Öffentlichkeit zu Jesus Christus zu bekennen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

10. Sonntag nach Trinitatis

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
(aus den Seligpreisungen: Matthäus 5, 8)

Jesus spricht zu den Menschen, die sich versammelt haben, um ihn zu hören. Die berühmte Bergpredigt beginnt nicht mit Forderungen, wie die Menschen ein gutes Miteinander zu gestalten haben. Sie beginnt auch nicht mit einer Feststellung, wie schwierig die Zeiten sind. Das alles wissen die Zuhörer und Zuhörerinnen, das braucht ihnen niemand mehr zu sagen.

Die Bergpredigt beginnt mit dem tröstenden Zuspruch. Menschen, die in der Gesellschaft eher am Rande stehen; Menschen, die anders leben und denken als der „mainstream“; Menschen, die nicht zurechtkommen mit dem „normalen“ Lebensstil, der den gesellschaftlichen Alltag bestimmt – ihnen verspricht Jesus: Ihr seid selig, euch wird das Himmelreich gehören. Euch wird Gerechtigkeit widerfahren. Gott ist bei euch und wird immer bei euch sein, ihr werdet Gottes Kinder heißen. Ihr werdet diejenigen sein, die „Gott schauen“ werden.

Selig sind, die reinen Herzens sind.
„Ich bin klein, mein Herz ist rein“ – an diesen Spruch muss ich denken, wenn ich über diese Seligpreisung nachdenke. In diesem Spruch klingt Naivität im positiven Sinn mit: Nichts Böses oder Schlechtes kann das Herz berühren. Ehrlichkeit, ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit und tiefes Gottvertrauen – selig sind die Menschen, die sich aus ganzem Herzen Gott anvertrauen können. Selig sind, die ihren Mitmenschen ohne Falsch begegnen können. Die aussprechen, was sie denken und fühlen. Die die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen und die Probleme sehen, ohne sich vom Bösen vereinnahmen zu lassen.

Denn sie werden Gott schauen.
Wir sind es vielleicht gewohnt, an das „Jenseits“ unserer Welt zu denken, wenn wir diesen Teil der Seligpreisung hören. Vor dem Angesicht Gottes zu stehen, Gott zu sehen, wie er ist, das verbinden wir mit der Hoffnung auf das ewige Leben im Reich Gottes – nach dem Leben in unserer Welt. Für Jesus ist die Verbindung von Diesseits und Jenseits längst Wirklichkeit: Gottes Reich kommt und ist schon da. In jedem Menschen, der unser Nächster ist, sieht uns Gott an: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan, heißt es in seiner Rede vom Weltgericht (Matthäus 25, 40). Gott begegnet uns in jedem Menschen, der unsere Zuwendung und unsere Hilfe braucht. Er begegnet uns in jedem Menschen, mit dem wir leiden und uns freuen.

Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.
So heißt es zum Abschluss der Seligpreisungen. Der Himmel beginnt hier und jetzt in unserem Leben. Aber er hört nicht mit unserer Endlichkeit auf. Was mit und für uns begonnen hat, geht über alles hinaus, was wir denken und fassen können.

Der Himmel, der kommt,
grüßt schon die Erde, die ist,
wenn die Liebe das Leben verändert.
(Lied 153, 5 im Gesangbuch)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

9. Sonntag nach Trinitatis

Du weißt, HERR, dass mein Herz nicht prahlt,
mir nicht den Stolz ins Auge malt.
Was hoch ist, mache ich nicht klein;
das Wunderbare nicht gemein.

Die Seele, bald verzagt, bald wild,
ich habe sie bei dir gestillt.
Durch dich umarmt hat sie es gut,
ein Kind, das an der Mutter ruht.

Hoff, Volk des HERRN, bei Ihm harr aus!
Wo soll es sonst mit dir hinaus?
Du läufst im Kreis und fürchtest dich.
Der Ewige sorgt mütterlich.

(Psalm 131 aus dem Psalter im Gesangbuch)

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist. (Josua 3, 10)

Es gibt solche Tage, da wacht man morgens mit bester Laune auf, die Sonne scheint, dann ein Telefonanruf – und die Stimmung ist dahin. Vernünftige Reaktion ist angesagt, doch der Ärger ist groß. Der Wochenplan muss umgestoßen werden, Telefonate, Emails, Briefe, Gespräche, Sitzungen, und dann noch das ganz „Normale“, was in dieser Woche eigentlich anliegt ... Wo kann Gott da sein, in meinem Chaos, in meiner Hektik?

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.

Es gibt Tage, mitten in dieser ganzen Hektik, da sitzen Menschen zusammen, sprechen darüber, was es bedeutet, Christ zu sein, was es bedeutet, das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Oder warum ihnen Gemeinde wichtig ist und ihnen so am Herzen liegt, dass sie trotz allen Ärgernissen und manchen Enttäuschungen daran arbeiten und sich engagieren. Und diese Gespräche sind intensiv, gehen in die Tiefe und in die Weite. Da spürt man, wie wohl es einem tut, und wie es einem hilft, die Gedanken zu ordnen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.
Dieser Satz ist eine Aufforderung. Ihr sollt...  Wenn wir merken sollen, dass Gott bei uns ist – ganz lebendig, ganz zum Leben gehört, dann müssen wir dafür offen sein. Wir sollen jederzeit damit rechnen, dass Gott in unserem Leben gegenwärtig ist, nicht nur im Gottesdienst sonntags oder feiertags. Wir sollen mit ihm rechnen und uns auf ihn verlassen. Denn dann – und das ist die andere Seite - dann wird dieser Satz Verheißung: Ihr werdet ...

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.

Dieser Satz ist ein Zuspruch. Wir können uns darauf verlassen, dass Gott bei uns ist – ganz lebendig, weil er unser Leben mit lebt. Ganz lebendig, weil er an solchen und solchen Tagen gegenwärtig ist. Ein Gott, der Kraft gibt, wenn man sich zermürben lässt. Ein Gott, der Mut gibt, wenn man schwierige Entscheidungen zu treffen hat und dazu stehen muss. Ein Gott, der Freude gibt, wenn einen der Alltag aufzureiben droht, der Ruhe schenkt, in der man zu sich kommen kann. Ein Gott, der uns auffängt, wenn wir im Kreis laufen und uns dabei die Orientierung abhanden kommt. Ein Gott, der mütterlich für uns sorgt.

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

 

8. Sonntag nach Trinitatis

Salomo hat in Jerusalem einen großen, prächtigen Tempel bauen lassen, zur Ehre Gottes. Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? fragt Salomo im Gottesdienst zur Einweihung und Eröffnung dieses Tempels. Leiser Zweifel scheint sich in dieser Frage zu melden. Gott ist so unfassbar und so groß und weit, dass selbst aller Himmel Himmel ihn nicht fassen können, wie sollte es dann dieser Tempel können? Sollte Gott wirklich hier bei seinem Volk, bei seinen Menschen gegenwärtig sein? Sollte Gottes Gegenwart wirklich wirksam sein und das Leben der Menschen bestimmen?
Salomo rechnet damit, dass Gottes Wohnung im Himmel ist. Er sieht eine Distanz zwischen Gott und den Menschen. Der Himmel ist weit weg, er ist groß und unbegrenzt, und so sehr die Menschen auch nach dem Himmel streben, sie werden ihn nie wirklich erreichen. Ist also auch Gott unerreichbar weit weg?
Das würde Salomo so nun auch wieder nicht unterschreiben wollen. Schließlich hat Gott ja versprochen, für sein Volk da zu sein. Aber diese Distanz zwischen Himmel und Erde ist für ihn da und muss überwunden werden, durch Gebet und Gottesdienst: die Menschen wenden sich an Gott, flehen und beten, bringen Opfer dar – und Gott hört und erhört und antwortet mit seiner Gnade. Der Tempel soll ein Ort sein, an dem diese Kommunikation zwischen den Menschen und Gott stattfinden, an dem eine Verbindung zwischen Himmel und Erde hergestellt werden kann.
Ganz fremd ist uns heute eine solche Vorstellung der Beziehung zwischen Gott und den Menschen ja nicht. Wenn man kleine Kinder fragt, was denn eine Kirche sei, hört man häufig: Da wohnt Gott. Schließlich geht man ja auch zum Gottesdienst in die Kirche. Und auch uns erscheint es vielleicht zumindest fraglich, ob Gott in dieser Welt, so wie wir sie erleben, wirklich gegenwärtig, ja zuhause sein kann. Oder ist die Welt vielleicht so, wie sie ist, weil Gott gar nicht in ihr ist? Auch unser Glaube lebt von der Zuversicht, dass Gottes Zusage, immer bei uns zu sein bis an das Ende aller Tage, zuverlässig und gültig ist. Was wir dann aber erleben und sehen und hören, lässt uns manchmal zweifeln: Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?
Diese Frage haben sich Menschen immer schon gestellt. Sie haben aber auch immer schon die Erfahrung gemacht: Gott lässt sich nicht begrenzen, nicht einsperren, schon gar nicht von Menschen. Über Gott kann man nicht verfügen, man kann ihn nicht auf einen Ort oder auf eine Wirkung hin oder auf eine bestimmte Zeit festlegen. Das hat Konsequenzen: Gott und der Glaube an ihn ist keine Angelegenheit allein für Sonn- und Feiertage und für Gottesdienste in Kirchen oder Tempel. Er gehört auch nicht nur ins stille Kämmerlein. Glaube und Religion sind nicht nur „Privatsache“. Warum? Gott hat seinen Sohn als Mensch gewordenes Wort zu den Menschen geschickt. Das heißt: Er hat mit Jesus Christus die Menschen direkt in ihrem Leben, ihrem Alltag, sichtbar und hörbar erreichen wollen, ihnen nachgehen wollen. Und dieser Jesus Christus hat dazu aufgerufen, den Glauben an diesen Gott öffentlich bekannt zu machen, durch Wort und Tat, damit der Glaube in der Welt wirksam werde. Und die Botschaft dieses Glaubens ist: Freiheit. Der Glaube wird die Menschen befreien von den Grenzen, die sie zwischen sich und ihren Mitmenschen aufgebaut haben: in der Gemeinde Gottes sind weder Griechen noch Juden, Frauen noch Männer, Sklaven noch Herren, sagt Paulus mal. All diese Unterscheidungen, die unsere Gesellschaften bestimmen, sind letztlich unbedeutend, wenn es darum geht, dass wir vor Gott als Menschen stehen, die unter seinem Segen leben wollen.
Der Glaube wird die Menschen befreien von den Grenzen, die sie zwischen sich und Gott aufgebaut haben. Denn Gott kommt zu den Menschen und spricht sie an. Das meint die Rede vom Mensch gewordenen Wort.
Die Botschaft unseres Glaubens ist Befreiung durch den Glauben, Befreiung zum Glauben an den befreienden Gott. Wie könnte ein Gott Befreiung schenken, wenn er selbst begrenzt wäre? Wie könnte es eine Botschaft der Befreiung geben, wenn sie nur sonntags gälte? Und was für eine Freiheit wäre das, wenn sie nicht unser ganzes Leben beträfe? Rechnen wir also damit, dass Gott nicht nur in der Kirche sonntags, sondern immer „mitten unter uns“ ist. Und auch wenn zugegebenermaßen noch einige Fragen offen sind, die es zu bedenken gilt, rechnen wir doch mit einem Gott, der in seiner und unserer Welt wohnt und zugegen ist, und der das, was uns besorgt und ängstigt, sieht.

Und dann lassen wir uns doch von dem Geist der Freiheit berühren und tragen, sonntags in der Kirche, im stillen Kämmerlein, an unseren Orten in der Welt.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

7. Sonntag nach Trinitatis

Eine Geschichte, in der es um Gottvertrauen in stürmischen Zeiten geht, ist am Sonntag Thema der Predigt: Matthäus 14, 22-33.

Jesus geht über das Wasser. Es ist dunkel, es ist stürmisch, die Wellen des Sees schlagen hoch, es ist eine bedrohliche Situation. Da sehen die Jünger etwas auf dem Wasser. Es kommt auf sie zu. Wahrlich ein unheimliches Bild. Ein Gespenst?
Die Jünger erkennen Jesus erst, als dieser sie anspricht: Seid getrost, ich bin’s. Fürchtet euch nicht. Jesus sieht die Jünger. Er erkennt ihre Angst, er nimmt die Bedrohung, die ihnen Angst macht, wahr. Seid getrost, sagt er. Ich komme zu euch. Ich bin bei euch. Es wird euch nichts geschehen. Vertraut mir, fürchtet euch nicht. Es ist Petrus, der seinen Augen und Ohren nicht so recht trauen mag. Er fordert einen Beweis: Lass mich auf dem Wasser gehen und zu dir kommen. Immerhin wagt er es, sich auf einen Versuch einzulassen. Doch mitten drin verlässt ihn der Mut. Er sieht die Wellen, er spürt den Sturm, er spürt das aufgepeitschte Wasser. Offensichtlich sieht er Jesus, sein Ziel, nicht mehr. Offensichtlich spürt er nicht mehr die Kraft, die ihn über das Wasser gehen lässt. Er droht unterzugehen. Dieser Petrus, zu dem Jesus gesagt hatte, er sollte ein Menschenfischer sein, einer, der die Menschen von Jesus und seiner Botschaft überzeugen sollte. Dieser Petrus, der seinen Namen bekommen hatte, weil er der Grundstein der Gemeinschaft sein sollte, die sich in die Nachfolge Christi stellen sollte. Dieser Fels beginnt zu wanken. Dieser Petrus beginnt zu zweifeln. Dieser Fels droht unterzugehen.

Und doch, in der Not besinnt sich Petrus: Herr, hilf mir. Seine letzte Hoffnung ist Jesus. Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? fragt Jesus den Petrus. Ja, warum? Petrus’ Aufmerksamkeit auf das Wasser ist stärker. Das Wasser aber trägt ihn nicht. Es ist aufgewühlt von dem Sturm. Dadurch wird es zur Bedrohung. Die Angst ist größer als das Vertrauen, als der Glaube an Jesus und seine Kraft. Jesus reicht dem Petrus die Hand. Er hält ihn fest, bevor der wirklich untergeht. Jetzt erkennt auch Petrus ihn: Du bist wahrhaft Gottes Sohn. Und obwohl Petrus’ Zweifel stärker waren als sein Vertrauen, hatte Jesus ihm die Hand gereicht. Als Jesus mit dem geretteten Petrus in das Boot steigt, legt sich der Sturm. Dieses Erlebnis lässt die Jünger erkennen: Hier ist Gottes Sohn. Er ist bei uns. Seine Gegenwart gibt uns Halt und Ruhe. Du bist wahrhaftig Gottes Sohn.

Diese Geschichte wird erzählt, weil sie unsere Hoffnung und unser Vertrauen stärken soll. Sie wird erzählt, weil sie uns zeigt, dass nicht nur diejenigen, die stark im Glauben sind, Hilfe von Gott erwarten dürfen. Wir, die wir oft Kleingläubige und Mutlose sind, dürfen darauf hoffen, dass Gott uns entgegen kommt und uns seine Hand reicht. Er nimmt uns an die Hand und ist bei uns, wenn wir keine Kraft haben und uns das Wasser bis zum Hals steht. Er ist bei uns und geht unseren Weg mit uns und hält schützend seine Hand über uns. So wahrhaftig ist er unser Gott.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

6. Sonntag nach Trinitatis

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen;
und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.

Jesaja 43, 1-3a

Fürchte dich nicht!
Mitten in der Krise spricht Gott zu seinem Volk: Fürchte dich nicht. Ich habe dich gerufen. Ich kenne deinen Namen. Ich weiß, wer du bist, wie du bist, was dich bewegt und umtreibt.

Fürchte dich nicht!
Mitten in die schwere Zeit hinein verspricht Gott seinem Volk: In allen Gefahren, in aller Bedrohung, in allen Lebenskrisen bin ich bei dir, weil ich bei dir sein will. Ich lasse dich nicht allein.

Fürchte dich nicht!
Mitten in die Verzweiflung und in die Angst hinein versichert Gott seinem Volk: Ich lasse nicht zu, dass du deiner Not ausgeliefert bist, dass die Not dein Leben bestimmt, Herr über dich wird. Ich bin der Herr, dein Gott. Und du bist mein.

Fürchte dich nicht!
Mitten in die Unfreiheit hinein sagt Gott seinem Volk: Alles, was dich niederdrückt, alles was dich klein macht, alles, was dich fesselt, hat keine Macht über dich. Ich bin der Herr, dein Gott, dein Heiland. Ich habe dich erlöst. Und darum bist du frei.

Herr, mein Gott,

Fürchte dich nicht! Sagst du mir.
Tröstliche Wärme strahlt mir entgegen aus deinem Wort.
Ich weiß: Vieles kann mir passieren, vor dem ich mich fürchte.
Aber bei dir bin ich geborgen. Ich gehöre zu dir. Und du lässt mich nicht los.
Ich weiß: Vieles kann mich gefangen nehmen und mir Angst machen.
Aber bei dir bin ich frei. Mit dir kann ich atmen. Und du gehst mit mir meinen Weg.
Ich weiß: Vieles lässt mich meine Ohnmacht spüren, das macht mich wütend und traurig.
Aber bei dir kann ich meine Fragen, meine Zweifel und meinen Zorn lassen. Bei dir bin ich mit allem gut aufgehoben.
Fürchte dich nicht! Sagst du mir. Immer wieder.
Und manchmal erinnere ich mich an dein tröstliches, warmes Wort.
Dann atme ich auf – und fürchte mich nicht mehr.

Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis

Gott rüstet mich mit Kraft. (Ps 18, 33)

Gott rüstet mich mit Kraft. Diese Aussage stammt aus dem 18. Psalm, der dem König David zugeschrieben wird: „als ihn der Herr errettet hatte von der Hand all seiner Feinde und von der Hand Sauls“. David führt seinen Sieg im Kampf gegen seine Feinde und im Machtkampf mit Saul auf die rettende Hand Gottes zurück. Gott hat ihn stark gemacht, mit Kraft ausgerüstet, dass er seinen Kampf um seine Position und letztlich um sein Überleben bestehen konnte. Und es geht hier nicht nur um die körperliche Kraft, die sicherlich auch wichtig ist in einem solchen Kampf. Entscheidender ist wohl die seelische und geistige Kraft – wir sprechen heute gern von mentaler Stärke. David brauchte in seinem Kampf Mut und Zuversicht. Er brauchte die Gewissheit, dass er in seinem Kampf nicht allein ist, dass er nicht nur auf seine kleine Kraft angewiesen ist. Er spürte die schützende Hand Gottes, er spürte den Beistand, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreichte.

Wir sehen uns gern als kraftvolle Menschen, die ihr Leben aus eigener Kraft gestalten. Und wir brauchen täglich Kraft. Vielleicht ist unser „Kampf“ nicht so existentiell wie der Davids, doch unseren Alltag zu organisieren, Familie und Job unter einen Hut zu bringen, in schwierigen Lebenssituationen zu bestehen, unsere Aufgaben z.B. in der Gemeinde zu bewältigen, verlangt schon einiges von uns. Doch was ist, wenn uns die Kraft fehlt? Wenn sie uns ausgeht? Wenn wir kraftlos werden, weil die Aufgabe, die vor uns steht, uns zu groß erscheint? Wenn wir nur noch einen riesigen Berg vor uns sehen? Woher sollen wir die Kraft nehmen, wenn uns Probleme und Sorgen überwältigen?

Gott rüstet mich mit Kraft. Aus diesem Satz spricht Zuversicht, Gewissheit, Trost. Hier weiß jemand: Gott hilft mir, zu bestehen. Er weiß, was ich brauche. Ich muss nicht aus meiner eigenen, zuweilen kleinen Kraft heraus alles schaffen. Gott gibt mir die Kraft, die ich brauche. Diese Zuversicht kann stark machen. Sie kann trösten, wenn die eigene Kraft nicht reicht. Dann können wir „auftanken“ bei Gott. Das sind die Pausen, die wir brauchen, um zur Ruhe zu kommen, durchzuatmen, nachzudenken, still zu werden und den Zuspruch Gottes zu hören und zu spüren. Diese Pausen räumt Gott uns ein, am Ruhetag, aber auch zwischendurch im Alltag. Vielleicht ist es die Zeit des Gebets, vielleicht ein Spaziergang, oder einfach nur da sitzen und der Natur lauschen. Diese Pausen dürfen und müssen sein. Niemand hat die Kraft, ständig aktiv zu sein, stetig zu tun und zu laufen. Wer keine Zeit hat, Gottes Gegenwart zu spüren, dem geht irgendwann die Puste aus.

Gott rüstet mich mit Kraft. Das macht mutig und stark, die Aufgaben anzugehen, die vor uns liegen. Das macht zuversichtlich, dass wir uns nicht verausgaben müssen, sondern durch seinen Geist immer wieder gestärkt werden. Das tröstet auch, wenn wir merken, dass unsere Kraft allein nicht ausreicht, um unsere Aufgaben zu bewältigen. Gott rüstet mich mit Kraft. Dessen dürfen wir gewiss sein. Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

4. Sonntag nach Trinitatis

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Da hat uns Paulus ja etwas zu denken gegeben. Alles, was er in seinem Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, scheint ganz einfach und klar zu sein. Frieden sollen wir miteinander halten, Nächstenliebe, sogar Feindesliebe sollen wir üben. Jedem nur das Gute wollen. Dem Bösen keinen Raum geben.  Dies alles sagt er in kurzen, knappen Sätzen, klar und direkt, fast wie selbstverständlich klingt das hier. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ So einfach?

Paulus weiß ganz genau, wie das Leben der Menschen ist, an die er da schreibt. Er spricht von den „Nöten der Heiligen“ – gemeint sind die Christen – von Verfolgung, von Fröhlichen und Weinenden, von Zwietracht, Hochmut und Überheblichkeit, sogar von Rache. Dem stellt er gegenüber: „Die Liebe sei ohne Falsch. Die brüderliche (heute würden wir sagen: die geschwisterliche) Liebe untereinander sei herzlich.“ Die Liebe ist es, die uns in unserem Leben Halt gibt, die uns trägt, die uns frei macht, unser Leben sinnvoll und gut zu gestalten: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist“, heißt an einer anderen Stelle im Römerbrief. Die Liebe Gottes ist das Gute. Die Liebe Gottes tut uns gut. Wir müssen nicht das Gute tun, damit wir geliebt werden, das Gute wird uns geschenkt. Dieses Geschenk annehmen heißt: Mit diesem Geschenk leben.

Paulus spricht in seinem Brief auch von der „Trägheit in dem, was wir tun“. Träge sind wir oft, vielleicht, weil wir entmutigt sind, weil wir denken: Wir können ja doch nichts ändern. Gegen die Verhältnisse um uns herum können wir nichts ausrichten, die da oben bestimmen ja doch, wie es in unserer Gemeinde, in unserer Kirche, in unserer Gesellschaft zugeht. Träge sind wir vielleicht auch, weil wir uns nicht trauen, den ersten Schritt zu machen, wenn Konflikte gelöst werden müssen. Oder weil wir gleichgültig werden gegenüber dem Leid anderer: Man kann sich ja schließlich nicht um alles kümmern. Dem setzt Paulus entgegen: Die Liebe Gottes in unserem Herzen ist es, die uns das Böse überwinden lässt. Das heißt nicht, dass wir das Böse aus der Welt schaffen könnten. Wir erleben alle jeden Tag, wie wirksam das Böse in der Welt ist. Das Böse zieht immer Mauern und Grenzen zwischen Menschen. Es trennt Menschen voneinander, in Familien, in Gemeinden, in der Gesellschaft, in der Schule, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz. Es sind Mauern aus Schweigen, Grenzen aus Unachtsamkeit oder Gleichgültigkeit oder Missachtung, Neid und Hass. Dieses Böse zu überwinden sind wir aufgefordert. Wir sollen Verantwortung übernehmen nicht nur für die Gestaltung unseres eigenen Lebens, sondern unseres Lebens mit den anderen. Paulus sagt: Die Liebe Gottes in unserem Herzen kann uns befreien, das Böse zu überwinden. „Finde dich nicht einfach damit ab, dass das Böse in der Welt ist. Setze ihm das Gute entgegen, das dir mit der Liebe Gottes in deinem Herzen geschenkt ist.“ Wenn die Liebe Gottes unser Leben bestimmt, dann können wir uns gar nicht mehr mit all dem Bösen, den Ungerechtigkeiten, dem Unfrieden und der Zerstörung des Lebens abfinden, weil wir dieses kostbare Geschenk in uns tragen. Gott will Menschen nicht trennen, sondern zusammenbringen, will ihnen die Schönheit und die Würde zeigen, die sie selbst haben und bei anderen respektieren. Nur so können wir friedlich zusammenleben, aufeinander und einander achten.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19, 10

Zachäus ist ein armer Mann. Er hat zwar viel Geld und ein Dach über dem Kopf, das mit Sicherheit edel und teuer ist. Aber er hat keine Freunde. Niemand schenkt ihm Beachtung, schlimmer noch: niemand zeigt wirklichen Respekt. Vielleicht haben manche Leute vor ihm Angst – aber das wäre auch kein Grund zur Freude. Sein ganzer Lebenssinn scheint darin zu bestehen, immer noch mehr Geld anzuhäufen. Auch das macht nicht wirklich Freude.

Zachäus ist ein kleiner Mann. Auch wenn sein Reichtum groß ist, reicht es nicht aus, über die Anderen hinwegzusehen. Im Gegenteil: sie versperren ihm die Sicht. Er muss sich viel Mühe geben, um eine freie Sicht zu bekommen. Und er ist zwar klein, aber nicht dumm. Versteckt in einem Baum und unbehelligt von den Anderen kann er nun sehen, wer dafür sorgt, dass Menschen zusammenkommen, hören und sehen wollen, was Hoffnung macht.

Jesus sieht Zachäus, den armen, reichen, kleinen aber nicht dummen Mann im Baum. Die Anderen hatten ihn nicht entdeckt. Aber Jesus findet Zachäus und geht mit diesem in dessen Haus. Es interessiert ihn nicht, wie die Anderen über Zachäus denken. Und warum sie so über Zachäus denken. Es interessiert ihn auch nicht, was die Leute davon halten, dass er „mit so einem“ an einem Tisch sitzen will.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Das ist Jesu Antwort auf die Fragen der Anderen, auf ihre Verwunderung und gar Empörung.
Und Zachäus hat Jesu Antwort genau so verstanden:
In diesem Menschen Jesus ist Gott zu mir gekommen. Er hat mich gesucht und hat mich gefunden, obwohl ich mich vor allem und Allen versteckt hatte. Er ist in mein Haus gekommen und hat mit mir an meinem Tisch gesessen. Er ist in mein Leben gekommen und hat da Platz genommen. Alles hat sich für mich verändert. Mein ganzes Leben hat einen neuen Sinn bekommen. Jetzt kann ich mein Leben ändern, jetzt kann ich ein Anderer werden. Jetzt bin ich wirklich reich. Nicht mehr verloren, sondern selig, zufrieden, glücklich, voller Lebensfreude und Hoffnung.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

2. Sonntag nach Trinitatis

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
(Matthäus 11, 28)

Gott, meine Seele ist unruhig.
Mein inneres Gleichgewicht gerät immer wieder aus den Fugen.
Fragen, die keine Antwort finden.
Ängste, die diffus bleiben.
Ungeduld, die mir die Ruhe raubt.
Freiheit, die immer wieder in Frage steht.

Wann hört die Ausnahme wieder auf?
Wann wird wieder alles „normal“?
Wann kann ich wieder so leben, wie ich es möchte?

Ich möchte meine Freundin in den Arm nehmen, wenn sie traurig ist.
Ich möchte den Menschen im Alltag begegnen ohne Furcht vor Ansteckung.
Ich möchte mein Gesicht nicht hinter einer Maske verstecken müssen.
Ich möchte die Gesichter der Anderen sehen.
Ich möchte direkte, keinen digitalen Begegnungen.

Gott, du sagst mir:
Mit all den Gedanken und Fragen,
mit der ganzen Last, die müde macht,
kannst du zu mir kommen.
Alles kannst du aussprechen.
Alles kannst du abladen, mir vor die Füße legen.

Ich will euch erquicken.

Es wird dich befreien, auszusprechen, was dich bedrückt.
Es wird dir guttun, dass dir jemand zuhört.
Deine Last ist bei mir gut aufgehoben.
Es wird deinen Blick weiten und lenken auf das Leben, das jetzt auch möglich ist,
auf die Schönheit, die Wahrheit, das Helle.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass die Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichenGütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
(Psalm 36, 6-10)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

1. Sonntag nach Trinitatis

Du bist ein Gott, der mich anschaut.

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Eine starke Gemeinschaft – eine Idealvorstellung? Eine Utopie?
Menschen sind soziale Wesen, angewiesen auf gegenseitige Solidarität und Hilfe. Allein kann der Mensch schlecht leben, das haben wir in den letzten Wochen und Monaten gesehen. Wenn Besuche unterbleiben müssen, wenn zwischenmenschliche Kontakte reduziert werden müssen auf Telefon und Video, dann reicht uns das auf Dauer nicht aus. Es fehlt die Berührung, das miteinander sprechen von Angesicht zu Angesicht, der Kontakt, der uns auch emotional berührt. Und viele Menschen, die ohnehin schon nicht viele Kontakte hatten, leiden in dieser Zeit noch mehr unter der Einsamkeit. Und Einsamkeit macht die Seele krank.
Wir haben auch gespürt: Das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes hat gefehlt. Eine Audio-Datei, ein Fernseh-Gottesdienst, ein You-Tube-Video – all das ist kein wirklicher Ersatz für einen „Präsenz-Gottesdienst“, eine Zusammenkunft in der Kirche. Gottesdienst feiern ist mehr als Hören und Sehen. Gottesdienst feiern ist zusammen feiern, beten, hören, fühlen. Gottesdienst feiern berührt alle Sinne, ist ein Geschehen, das den ganzen Menschen erfassen kann.
Ein Herz und eine Seele – so lebten die ersten Christen in ihrer Gemeinde. Auch wenn der Predigttext hier „nur“ von der Gütergemeinschaft der ersten Gemeinde erzählt, steckt hinter dem Ein Herz und eine Seele mehr. Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte wird geschildert, die ersten Christen ihr Gemeindeleben gestaltet haben: Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Eine starke Gemeinschaft – das ist für die ersten Christen mehr als Gütergemeinschaft. Ihnen ist die Glaubensgemeinschaft wichtig. Sie bestärken sich gegenseitig in ihrem Glauben an Gott, sie bewahren die Worte und Taten Jesu Christi in ihren Herzen. Sie geben aufeinander acht und sorgen sich umeinander. Gemeinsames Brotbrechen und gemeinsame Mahlzeiten stärken die Gemeinschaft. Glaubensgemeinschaft ist auch Gemeinschaft der Herzen und Seelen. Die ersten Christen teilten ihren Glauben, ihre Zeit, ihre seelischen und geistlichen Bedürfnisse miteinander – die Gütergemeinschaft war eine Konsequenz aus ihrer Glaubens- und Lebensgemeinschaft.
Ein Herz und eine Seele – ein hohes Ideal. Vielleicht klappt es nicht immer, diesen idealistischen Gemeinschaftsgedanken hoch zu halten. Aber die Idee, unser Zusammenleben so zu gestalten, lässt sichtbar werden, welche Hoffnung uns in unserem Leben trägt. Denn diese ideale Gemeinschaft ist ein Hinweis auf das Reich Gottes, das seine Wirksamkeit im Zusammenleben der Menschen schon jetzt hier „mitten unter uns“ entfaltet, da wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen und Gemeinde gestalten als Glaubensgemeinschaft und auch als Lebensgemeinschaft.
Ein Herz und eine Seele – das klappt nicht immer. Aber im Grundsatz können wir ein Herz und eine Seele sein, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass uns der Geist Gottes zu einer Gemeinde Christi zusammenführt und wir dies feiern, sonntags im Gottesdienst und alltags, indem wir aufeinander achten und uns umeinander kümmern. Und wenn wir uns bewusst machen: Wir stehen und gehen, glauben und leben miteinander unter dem Segen Gottes.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Trinitatis

Du bist ein Gott, der mich anschaut.
Du bist die Liebe, die Würde gibt.
Du bist ein Gott, der mich achtet.
Du bist die Mutter, die liebt,
du bist die Mutter die liebt.

Dein Engel ruft mich da, wo ich bin:
„Wo kommst du her und wo willst du hin?“
Geflohen aus Not in die Einsamkeit,
durchkreuzt sein Wort meine Wüstenzeit.

Dieser Text ist der Refrain und die erste Strophe eines Liedes aus dem Liederbuch „freiTöne“ für den Kirchentag 2017: Hagars Lied. An dieses Lied musste ich sofort denken, als ich den Predigttext für diesen Sonntag las (4. Mose 6, 22-27):

Und der HERR redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Gott sieht mich. Er wendet mir sein Angesicht zu. Er sieht meine Not, meine Einsamkeit, meine Ratlosigkeit. Er sieht nicht weg. Er hört nicht weg. Nicht einmal, wenn ich vor allem davonlaufe, weil ich keinen anderen Ausweg mehr weiß. Er läuft mit, meinen Weg in die Wüste, er geht mir nach und spricht mit mir – er bleibt nicht stumm. Er gibt mir, der Sklavin, Würde und Achtung.

Das ist die Erfahrung, die Hagar macht – Hagar, die ungeliebte Nebenfrau, die Konkurrentin Saras, die den Platz räumen muss. Hagar, die Fremde, die mit Abraham einen Sohn haben wird: Ismael. Auch er wird, wie Isaak, Stammvater eines Volkes werden.

Der Segen Gottes ist mehr als die Zusage seines Schutzes, mehr als seine Begleitung auf unserem Lebensweg. Sein Angesicht leuchtet über uns, gibt uns Frieden – mehr geht nicht. Die Zusage, dass Gott uns sieht, wenn niemand auf uns achtet; dass Gott unseren Weg hell erleuchtet, wenn alles um uns herum dunkel und verworren ist; dass Gott uns in unserem Unfrieden Frieden gibt – das ist ein Segen, der so groß ist, dass es kaum zu fassen ist.

Hagar, die diesen großen und großartigen Segen Gottes spürt, kann mit sich selbst ins Reine kommen. Sie gewinnt an Selbstachtung, sie wird gewahr: auch sie als Sklavin und Fremde hat Würde, Menschenwürde – weil Gott ihr mit seiner liebevollen Zuwendung diese Würde gibt. Ihre Herkunft, ihre gesellschaftliche Stellung, auch ihre Schwächen und ihr sicherlich nicht einwandfreies Verhalten gegenüber Sara, all das hindert Gott nicht daran, sich Hagar als der liebende und sorgende Gott zu zeigen. Sein Angesicht leuchtet ihr in der Wüste, sein Blick trifft sie und hebt sie aus dem Wüstenstaub. Hagar spürt Frieden, Shalom, Schutz, Licht und Heilung.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Übrigens: Hagars Geschichte kann in 1. Mose 16 und 21 nachgelesen werden.

Pfingsten

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.
(Sacharja 4, 6b)

In der Bibel wird uns eine wundersame Geschichte zum Pfingsttag erzählt: Die Jünger, allen voran Petrus, sind beseelt von der Botschaft, die sie unter das Volk bringen wollen. Mit starken Bildern erzählt die Apostelgeschichte, wie alles beginnt, was sich bis heute fortsetzt: die Geschichte der Kirche (Apostelgeschichte 2, 1-21).
Das Rauschen wie von einem starken Wind, das das ganze Haus erfüllt, in dem die Jünger sich aufhalten, ist nicht zu überhören. Etwas wie züngelnde Flammen, die jeden berühren, gleichsam in Brand setzen, sie sind nicht zu übersehen, und jeder kann sie spüren.
Der Geist Gottes kommt mit einer solchen Macht, dass niemand ihm widerstehen kann. Er holt jeden aus dem sicheren Versteck des Hauses in die Öffentlichkeit. Die Botschaft muss unter die Leute, der Jubel über die Befreiung zur Lebendigkeit muss laut herausgerufen werden.

Die Jünger, die gerade noch mutlos waren, überkommt diese große Kraft, wie ein Sturmwind. Bewegt vom Heiligen Geist sprechen sie von Jesus Christus, und das Wunder geschieht: Jeder kann sie in seiner eigenen Sprache verstehen. Jeder und jede fühlt sich angesprochen, verstanden, berührt. Die Menschen können diese Kraft spüren, diesen Geist, der alle Schranken des Nicht-verstehen-Könnens einreißt, der Mauern in den Köpfen der Menschen überwindet. Welch ein Wunder! Kein Mensch kann – allein nur mit seinem Verstand, seiner Überzeugungskraft oder gar mit Gewalt so etwas schaffen.
Viele lassen sich taufen: Die Kirche ist geboren.
Können wir uns vorstellen, dass wir uns von einer solchen Kraft beseelen lassen? Können wir uns vorstellen, dass wir uns so berühren und ansprechen lassen können?
Pfingsten lädt ein, darüber nachzudenken, welche Sprache wir sprechen: die Sprache der Angst oder die der Liebe. Der Pfingstgeist hält Jesus unter uns lebendig. Es ist ein Geist, der Menschen verbindet und nicht trennt, der befreit und nicht einengt, ein Geist, der uns die Augen öffnet für Unrecht und uns den Mund auftut für die Wahrheit. Ein Geist, der aus dem Tod ins Leben ruft. Ein Geist, der uns befreit zur Hoffnung, dass alles gut wird, weil Gott es mit uns gut meint – im Leben wie im Sterben, im Glauben wie im Nicht-glauben-Können, in der Welt wie in der Kirche.

Der Geist Gottes, der so mächtig in uns wirken will, lenkt unseren Blick auf das Wunder, das er vollbringen kann. Er will uns begeistern, und er will, dass wir unsere Begeisterung teilen mit allen Menschen, denen wir begegnen. Wir sollen nicht über alles Schwierige und Belastende in unserem kirchlichen Leben hinwegsehen. Aber der Geist Gottes gibt uns einen andere Perspektive auf all das, was um uns herum passiert: Nicht das, was fehlt, stellt er uns vor Augen, sondern das, was bei allen Defiziten möglich ist. Nicht auf das, was wir nicht können, sollen wir sehen, sondern auf die Möglichkeiten, die er uns schenkt: Miteinander in unseren Worten sprechen, miteinander das Leben feiern; unsere Grenzen öffnen und füreinander dasein; uns gegenseitig berühren – mit guten Worten, Gedanken, Gesten und Taten.
Es ist soviel Freiheit da in allem, was uns besonders in diesen Tagen einschränkt, es ist soviel Kreativität und Phantasie möglich, wenn wir genau hinsehen und hinhören. Gottes Geist schenkt uns Kraft und Mut, diese Perspektive im Blick zu haben und zu erhalten, jetzt und über schwierige Zeiten hinaus.

Dies ist der Tag, den der HERR macht;
Lasst uns freuen und fröhlich an Ihm sein!
O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!

Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.
Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott, und ich danke Dir;
mein Gott, ich will Dich preisen.
Danket dem HERRN; denn Er ist freundlich,
und Seine Güte währet ewiglich.
(aus Psalm 118)

HERR, unser Gott, segne uns und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen

6. Sonntag nach Ostern - Exaudi! - Höre

Herr, höre meine Stimme! (Psalm 27,7)

Der Herr ist mein Licht und mein Heil,
vor wem sollte ich mich fürchten?
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und erhöre mich!
Denn du bist meine Hilfe, verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!
(aus Psalm 27)

„Wenn ich bete, höre ich oft keine Antwort. Dann frage ich mich: Hört Gott zu? Hört er mich?“ Wenn ich mit Jugendlichen und Kindern über das Beten spreche, höre ich oft diese Frage. Beten ist eine sehr persönliche Erfahrung, da gibt es keine allgemeingültige Aussage wie etwa: „Du musst nur ernsthaft genug beten, du musst dich bemühen, dann wird Gott sich dir schon zeigen und dir antworten.“ Nein, so einfach ist es nicht. Es ist schwierig, mit jemandem zu sprechen und ihm etwas anzuvertrauen, den man nicht sieht und hört. Wir sind es gewohnt, mit jemandem zu kommunizieren, der ein konkretes Gegenüber ist. Beten ist da eine schwierige Form der Kommunikation.
Das weiß auch der Mensch, dessen Worte wir hier im 27. Psalm lesen. Einerseits spricht er von seiner Gewissheit, dass er Gott auf seiner Seite weiß. Andererseits hören wir auch seine Unsicherheit: Hört er mich? Nimmt er mich wahr, mit meinen Sorgen und Ängsten? Mit meinen Schuldgefühlen und meinen Zweifeln? Ist er wirklich da? Der Psalmbeter scheint das Gefühl der Schutz- und Hilflosigkeit zu kennen. Vielleicht denkt er in mancher Situation: Hat Gott mich jetzt verlassen? Hat er sich von mir abgewendet? Und dann erinnert er Gott daran: Du bist meine Hilfe! Das hast du mir doch versprochen!
Wir sehen in diesem Psalmgebet, wie hin- und hergerissen der Betende ist: zwischen Zuversicht und Unsicherheit, zwischen Gewissheit und Zweifel, ja, zwischen Mut zur Hoffnung und Verzagtheit. So geht es uns wahrscheinlich auch, wenn wir beten. Ich finde es ermutigend, das der Psalmbeter hier trotz aller Fragen, die er an Gott hat, die Hoffnung nicht aufgibt, dass Gott ihm doch zuhört und ihn erhört. Er hört nicht auf, sich mit seinen Gedanken an Gott zu wenden. Und schließlich: Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen. In seinem tiefsten Inneren seiner Seele bleibt diese Hoffnung von allen Zweifeln und aller Furcht unberührt: Gott ist mit seiner Güte und seinem Segen bei mir. Bei ihm bleibe ich lebendig. Er begleitet mich auf meinem Weg durch Dunkelheit und Heillosigkeit. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Gott – mein Licht
Er erleuchtet mir meinen Weg, wenn ich mich in den Wirren der Zeit zu verirren drohe.
Gott – mein Licht
Er gibt mir Orientierung, wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß.
Gott – mein Licht
Er erhellt mir meine Seele, wenn dunkle Gedanken mich unruhig machen.
Es gibt keinen Grund, warum ich mich fürchten müsste.

Gott – mein Heil
Er sagt mir, dass er bei mir ist mit seinem Schutz.
Gott – mein Heil
Bei ihm kann ich mich geborgen fühlen.
Gott – mein Heil
Meine Seele kann ruhig werden, und alles wird gut.
Es gibt keinen Grund, warum ich mich durch meine Sorgen gefangennehmen lassen müsste.

Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Christi Himmelfahrt - Der Himmel ist offen!

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
(Johannes 12, 32)

Christi Himmelfahrt ist ein Abschied. Weihnachten, Ostern, Pfingsten feiern einen Beginn, feiern Ankunft; an Himmelfahrt schauen wir auf das Ende der Osterzeit, auf das Ende der Zeit, in der der Auferstandene seinen Jüngern und Anhängern erscheint, bei ihnen auf wundersame Weise anwesend ist und mit ihnen redet und Tischgemeinschaft hat.
Der auferstandene Jesus zeigt sich seinen Jüngerinnen und Jüngern, spricht mit ihnen, verbringt Zeit mit ihnen. Das gibt ihnen Hoffnung: Bleibt er jetzt doch bei uns? Wird jetzt alles gut? Ist das jetzt der Beginn der Neuen Zeit? Und doch verabschiedet Jesus sich von ihnen ein zweites Mal:

Ich werde den Geist zu euch senden, den mein Vater versprochen hat. Bleibt hier in der Stadt, bis ihr diese Kraft von oben empfangen habt.
Dann hob er die Hände und segnete sie. Und dann, während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie warfen sich vor ihm auf die Knie. Dann kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück. Sie verbrachten die ganze Zeit im Tempel und lobten Gott. (Lukas 24, 49.51-53)

Mit der Himmelfahrt ist die Gegenwart Christi zuende.
Jesus entfernt sich von seinen Jüngerinnen und Jüngern, heißt es bei Lukas. Und doch ist dies nicht ein trauriger Abschied, nicht so wie Karfreitag, an dem alles Hoffen und Vertrauen sinnlos geworden schien. Himmelfahrt ist da anders, ein wenig wehmütig vielleicht, aber nicht verzweifelt, niedergeschlagen sind die Jünger, die miterleben, wie Jesus sich ihren Blicken entzieht. Nein, Hoffen und Vertrauen haben wieder einen Sinn für die Jünger. Sie bleiben nach diesem Abschied zusammen, „einmütig im Gebet“, wie es an einer Stelle in der Apostelgeschichte heißt. Denn für sie hat etwas Neues begonnen. Für sie hat die Zukunft begonnen. Denn Jesus bleibt ihnen ganz nah.

Der Himmel ist offen – die Grenze zwischen Himmel und Erde ist überwunden.
Der Horizont ist weit und hell.

Pfingsten leuchtet schon auf: Gottes Geist – Lebens- und Glaubenskraft – wird zu Euch kommen.
Ihr werdet stark sein, weil Gottes Geist Euch behütet.
Ihr werdet mutig sein, weil Gottes Geist Euch mit Hoffnung und Zuversicht erfüllt.
Ihr werdet froh sein, weil Gottes Geist Euch den Weg in Seine gute Zukunft weist.
Ihr werdet leben können, weil Gottes Reich schon mitten in Eurem Leben wirksam ist.

Die Jünger und Jüngerinnen kehren nach diesem Erlebnis voller Freude in ihr Leben zurück. Und auch wenn sie in der folgenden Zeit unter Verfolgung und Angst vor Repressalien leiden und sich verstecken müssen: an ihrer Freude und an ihrer Hoffnung auf den Geist Gottes halten sie fest.

Der Himmel ist offen – die Grenze zwischen Himmel und Erde ist überwunden.
Der Horizont ist weit und hell.

Der Sinn der Himmelfahrt liegt nicht in dem, was einstmals war, sondern in dem, was sie uns heute sehen lässt. Uns wird ein Leben aus der Zukunft Christi vor Augen gestellt, Christi Ankunft in meinem Leben, im Leben der Gemeinde. Christus im Himmel bei Gott, das macht Sinn und hat nichts zu tun mit einer Distanz Christi zu uns. Im Gegenteil: Christus lässt sich aus dem Himmel sehen – und siehst du ihn, dann siehst du Gott.

Der Himmel ist offen – die Grenze zwischen Himmel und Erde ist überwunden.
Der Horizont ist weit und hell.

Herr, unser Gott,
die Bibel erzählt uns von der Himmelfahrt Jesu Christi. Hilf uns zu verstehen, dass du uns damit nicht ferngerückt bist, sondern die Grenze zwischen Himmel und Erde überwunden hast.
Jetzt baust du an deinem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens hier, mitten unter uns.
Lass uns aus Hoffnungslosigkeit und Sorgen aufschauen und unseren Blick froh darauf richten, dass du – Vater, Sohn und Heiliger Geist – lebst und herrschst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

5. Sonntag nach Ostern - Rogate - Betet

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
(Psalm 66, 20)

In der Bergpredigt findet sich ein Abschnitt, der sich mit dem Beten befasst. Er ist für diesen Sonntag zur Predigt vorgeschlagen: Matthäus-Evangelium 6, 5-15. Ich greife einen Vers daraus auf, der mir heute besonders wichtig ist:

Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegel die Tür.
Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.
Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.
(Mt 6, 6)

Im Yoga gibt es eine Übung, bei der man sich auf den Boden setzt, die Beine gerade nach vorne legt und den Oberkörper leicht darüber beugt. Die Hände liegen locker auf den Beinen, das Kinn sinkt zur Brust. Eine Haltung des In-sich-gekehrt-Seins. Meine Yoga-Lehrerin sagt dann immer dazu: „Ich betrete meinen Raum des inneren Friedens“.
Nun ist mein innerer Raum häufig reichlich unaufgeräumt. Da liegen Ärger und Enttäuschungen herum. Dinge, die mich wütend oder traurig machen, finden sich in den Ecken. Und über viel Unerledigtes und Weggeschobenes kann ich ständig stolpern. Und laut ist es auch manchmal: Wenn die Stimmen der Erwartungen und Anforderungen sich melden. Sicher, auch schöne Augenblicke und Erlebnisse, die mich freuen, und Glücksmomente lassen sich entdecken – manchmal muss ich sie hervorkramen. Sie kennen das? Mein innerer Raum ist oft chaotisch und anstrengend. „Innerer Frieden“ hört sich für mich da eher nach Ordnung, nach Ruhe und nach Freiraum an.

Wenn ich den Vers aus der Bergpredigt lese, fällt mir dieses Bild ein. Das Bild vom „inneren Frieden“, das Bild des In-sich-gekehrt-Seins.
Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegel die Tür, werde ich aufgefordert: Zieh dich zurück in dein stilles Kämmerlein.
Beten heißt: Ich trete heraus aus allem, was mich bewegt und beschäftigt.
Ich lasse für einen Moment alles, was von außen auf mich einwirkt, draußen:
Den Alltagstrubel,
die lauten und leisen Stimmen anderer Menschen,
den Druck fremder Einflüsse,
die Anforderungen, die auf mich einprasseln,
die Verpflichtungen, die mich fesseln.
Ich mache die Tür zu und betrete meinen Raum, in dem ich sein kann, wie ich bin. Jetzt kann ich in mich hineinhorchen: Was brauche ich? Was spüre ich?
Beten heißt: Ich trete in Beziehung zu Gott. Im Gebet geht es um Gott und mich. Mein Gebet ist meine Sache – eine Angelegenheit zwischen Gott und mir. Intim, privat – der Öffentlichkeit entzogen.
Beten heißt also: ich bin ganz bei mir und in mir. Und: ich bin ganz bei Gott und in Gott. Mein stilles Kämmerlein ist der Raum und die Zeit, die ich mir für das Gebet nehme.

Alles kann ich vor Gott bringen:
Meine Sorgen und Ängste,
mein Ärger und meine Enttäuschungen.
Meine Wut und meine Trauer und meine Zweifel.
Meine Leere und meine Sprachlosigkeit.
Und meine Freude und mein Glück.
Mein stilles Kämmerlein kann überall sein:
Der Blick aus dem Fenster in einen Sonnenaufgang.

Mein Zimmer mit dem gemütlichen Sofa.
Der Wald, durch den mich ein Spaziergang führt.
Eine Zeit im Gottesdienst, den ich in der Kirche mit anderen zusammen feiere.
Das Schweigen mit einem guten Freund oder einer guten Freundin.
Im Gebet komme ich zur Ruhe, komme ich zu mir und zu Gott. Das Gebet ist meine Pause, in der ich Kraft schöpfen und Trost finden kann. Und nach dieser Pause kann ich gestärkt und erfrischt wieder „nach draußen“ gehen, mich meinen Aufgaben stellen und mich für meine Mitmenschen öffnen.

Im Gebet kann ich mich sortieren und in meinem inneren Raum Ordnung schaffen. Ich kann meine Aufmerksamkeit von der Fülle all dessen, was täglich auf mich einwirkt, lösen und auf das Wesentliche lenken: Ich bin bei Gott gut aufgehoben und behütet mit allem, was mich ausmacht und wie ich bin. Dann betrete ich meinen Raum des inneren Friedens.

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Kantate - 4. Sonntag nach Ostern

Und hier einige Gedanken zum vierten Sonntag nach Ostern – Kantate – auch dies ein Sonntag der Freude, des Jubels, der Zuversicht: Singt dem Herrn ein neues Lied! (Ps 98,1)

Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!
Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
Der Herr lässt sein Heil kundwerden;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.
Jauchzt dem Herrn, alle Welt, singt, rühmt und lobt!
Lobt den Herrn mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen jauchzt vor dem Herrn, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn;
denn er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Amen

SINGT!
Singen ist ein Ausdruck der Freude und der Lebenslust, besonders, wenn es ein Lied zum Lobe Gottes ist. Wir hören geradezu, wie alles singt und jubelt, wenn wir diese Verse aus dem Psalm 98 lesen. Welch eine Freude! Und welch eine Musik! Sogar die Natur stimmt mit ein in den Lobgesang. Welt-Musik im wahrsten Sinne des Wortes.

Und dann: die Landeskirche empfiehlt dringend, in den Gottesdiensten, die jetzt wieder gefeiert werden können, NICHT ZU SINGEN! Man weiß es noch nicht so genau, aber man vermutet, dass die Ansteckungsgefahr beim Singen durch das Ausatmen feinerer Tröpfchen und das tiefere Einatmen größer ist als sonst schon. Also zum Lobe Gottes in den Mundschutz murmeln?
Andererseits: Ein Gottesdienst ohne Lieder ist für uns kaum vorstellbar. Selbst Menschen, die nicht mitsingen, sagen mir: Der Gesang ist ein unverzichtbares Element des Gottesdienstes.

DEM HERRN!
Singen befreit. Wenn ich singe, lasse ich alles raus, was ich fühle, denke, glaube. Singen ist da manchmal einfacher als sprechen. Wenn ich etwas in Worten ausdrücken will, dann suche ich oft nach den richtigen Worten, finde sie vielleicht manchmal nicht so richtig. Ein Lied ist da oft einfacher. Weil die Melodie schon so viel transportiert. Darum geht es manchen Menschen so, dass es ihnen schwerfällt, ein Gebet in Worte zu fassen. Aber für das, was sie Gott sagen wollen, fallen ihnen Lieder ein, die ihren Gemütszustand ziemlich genau wiedergeben. Alles, was ich Gott sagen will, alles, was mir an und auf dem Herzen liegt, kann ich ihm SINGEN!

EIN NEUES LIED!
Das ist ja so eine Sache, das mit den neuen Liedern. Viele Gottesdienstbesucher kennen die neuen Lieder nicht. Im Gesangbuch stehen eigentlich auch keine neuen Lieder, sondern Altbekanntes und Altbewährtes. Obwohl: Auch viele alte Lieder im Gesangbuch sind unbekannt und können vielleicht neu entdeckt werden! Blättern Sie doch einmal in Ihrem Gesangbuch und gehen Sie auf Entdeckungsreise!
Neue Lieder – das heißt auch: etwas Neues in den Blick nehmen, eine neue Perspektive entwickeln. Davon spricht der 98. Psalm nämlich: nach einer schwierigen Zeit nach vorn gucken und von Zuversicht singen. Schwieriges und Belastendes hinter sich lassen – nicht vergessen, aber sich nicht mehr davon gefangennehmen lassen.
Singen befreit! Und so kann jedes Lied neu werden, wenn es meinen Blick befreit und mich neu in die Welt gehen, sehen und hören lässt. Und der Jubel der Natur – das merken wir gerade im Frühling ganz besonders – ist jeden Tag EIN NEUES LIED!

Eines meiner Lieblingslieder, das ich immer wieder neu entdecken kann, ist der Psalm 103 des Genfer Psalters, im ersten Teil unseres Gesangbuches zu finden:

Lobsinge Gott, erwecke deine Kräfte,
mein Geist, sein Lob sei immer dein Geschäfte.
O bet ihn an, sein Nam ist Majestät.
Lobsing dem HERRN, erheb ihn, meine Seele!
Er sorget treu, dass dir kein Gutes fehle.
Vergiss den nicht, der dich durch Huld erhöht.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Jubilate - 3. Sonntag nach Ostern

Alles neu.

Die Welt steht still – zumindest sind die üblichen Aktivitäten auf allen gesellschaftlichen Ebenen eingeschränkt und heruntergefahren. Das Tempo unseres Alltags hat sich drastisch reduziert. Schon sprachen viele von „Entschleunigung“.

Alles neu.
Vieles ist anders geworden. Und die Chance, dass wir manche Dinge anders sehen und überlegter angehen können, tritt deutlicher zutage. Diese Chance war immer schon da. Aber es lief ja alles gut. Wir hatten immer auf alles eine Antwort. Wir fanden immer eine Antwort. Wir hatten kaum noch Fragen. Das hat sich geändert.

Alles neu.
Auch das hat sich im Laufe der letzten Wochen geändert: Von „Entschleunigung“ spricht kaum noch jemand. Die Ungeduld wird größer. Forderungen nach mehr Lockerungen, nach Entscheidungen, die der Wirtschaft helfen, nach einer „Rückkehr zur Normalität“ werden lauter. Ob wir die Chance wahrnehmen werden, gesellschaftliche Missstände, die nun in der Corona-Zeit besonders deutlich werden, zu bearbeiten? Ob wir unser Konsumverhalten und unsere Haltung zu Umwelt- und Klimaschutz grundsätzlich verändern werden? Da sind doch inzwischen leise Zweifel zu vernehmen. Sollte das Danach etwa doch so werden wie das Vorher?

Alles neu.
Krise heißt: Entscheidung. Die Corona-Zeit hat uns dazu gebracht, dass wir nicht einfach „so weitermachen“ können. Wir können uns entscheiden, wie wir unser gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches, auch unser kirchliches Leben weiterhin gestalten wollen. Und wir können uns entscheiden, wie wir unseren Lebensweg weitergehen wollen.

Alles neu.
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Das schreibt Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther (2. Kor 5,17) – die Losung, unter der die nächste Woche gestellt ist.
Im Predigttext für diesen Sonntag (Joh 15, 1-8) heißt es: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Der Weinstock ist zu einem Symbol geworden – Jesus, der Weinstock, der die Reben ernährt, die Menschen, die ihm folgen, die ihm vertrauen und ihre Hoffnung auf ihn setzen; Jesus, der dafür sorgt, dass die Menschen, die an ihn glauben, „Früchte“ sind, die der Welt zeigen: Bei Ihm ist das wahre Leben. Von Ihm bekommen wir, was wir zum Leben brauchen: Kraft, Mut, Zuversicht, Wahrhaftigkeit – und deswegen auch: Freiheit, Liebe, Frieden.

Sind und bleiben wir bei Jesus, sind wir wie neugeboren, neu erschaffen. Jeden Tag haben wir die Chance, einen Neuanfang zu wagen, ohne Angst. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit, uns neu zu besinnen, neue Entscheidungen zu treffen, die unserem Denken, Reden und Handeln eine neue Richtung geben. Und jeden Tag wieder neu: wir können uns Gott anvertrauen mit allen unseren Sorgen und Fragen, unsere Zweifel bei Ihm lassen und mit Ihm uns des aufblühenden und grünenden Lebens freuen.

Alles neu.

Jauchzt Gott, alle Lande!
Lobsingt zur Ehre seines Namens;
rühmt ihn herrlich!
Sprecht: wie wunderbar sind Deine Werke!
Lobt, ihr Völker, unseren Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsere Seele am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.
(aus dem 66. Psalm)

Gott, Du Schöpfer allen Lebens,
wir bitten Dich:
Wecke in uns neues Leben,
wecke in uns neue Kraft und neuen Mut.
Wärme uns mit Deinem Geist der Liebe.
Weise uns auf den richtigen Weg mit Deinem Licht der Wahrheit.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Misericordias Domini – 2. Sonntag nach Ostern, nach den Worten aus Psalm 33,5: Die Erde ist voll der Güte des HERRN.

Ich bin hin und her gerissen.
Die Natur zeigt mir: Alles blüht. Alles wächst.
Bald werden die Früchte sichtbar werden.
Die Sonne scheint. Der Himmel strahlt in einem freudigen Blau.
Ungetrübter Frühling.
Man könnte:
Sich mit Freunden treffen. Ausflüge machen. Picknick veranstalten.
Das Leben feiern.

Doch das Leben ist immer noch verhalten.
Das Gefühl der Unfreiheit wird immer stärker.
Gemeinschaft leben, sich begegnen, gemeinsam das Leben feiern –
das geht nur aus der Ferne, mit Abstand, virtuell.

Und doch: Die Erde ist voll der Güte des HERRN.
Wenn ich diesen Vers lese, richtet sich mein Blick wieder auf das Wesentliche.
Die Warteschleife des Lebens, in der wir uns gerade befinden, wird zuende gehen, Gottes Güte nicht.
Wir müssen zueinander Abstand halten.
Gott ist uns nahe.
Unsere Ungeduld wird von Tag zu Tag größer.
Gottes Zuverlässigkeit bleibt groß.
Der HERR schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder.
Von Seinem festen Thron sieht Er auf alle, die auf Erden wohnen.
Siehe, des HERRN Auge achtet auf alle,
die Ihn fürchten,
die auf Seine Güte hoffen.

Meine Freiheit liegt in meinem Vertrauen darauf,
dass Gott mir nahe ist,
auch wenn ich manchmal das Gefühl habe,
er hat mit dem Geschehen hier nichts zu tun.
Doch, er sieht, was geschieht,
er sieht, wie es uns geht, wie wir uns fühlen!
Meine Freiheit liegt in meiner Zuversicht,
dass Gottes Güte alles und jeden trifft.
Sie widerspricht allem, was Macht über uns hat und uns niederdrücken will.
Meine Freiheit liegt in meinem Glauben,
dass Gott mit seinem Segen das Leben schützt und bewahrt
und zum Blühen bringt.
Trotz allen Unmuts. Trotz aller Einschränkungen, die wir uns auferlegen.
Trotz aller Befürchtungen, die unseren Alltag bestimmen.
Trotz allen Ärgers, den wir empfinden und uns gegenseitig bereiten.

Alles blüht. Alles wächst.
Bald werden die Früchte sichtbar werden.
Ungetrübter Frühling.

Die Erde ist voll der Güte des HERRN.
Siehe, des HERRN Auge achtet auf alle,
die Ihn fürchten,
die auf Seine Güte hoffen,
dass Er sie errette vom Tode und sie am Leben erhalte in Hungersnot.
Unsre Seele harrt auf den HERRN;
Er ist uns Hilfe und Schild.
Denn unser Herz freut sich Seiner,
und wir trauen auf Seinen heiligen Namen.
Deine Güte, HERR, sei über uns,

wie wir auf Dich hoffen.

Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder – 1. Sonntag nach Ostern

Werden wir aus dieser schwierigen Zeit wie neugeboren herauskommen? Wie wird sich das anfühlen, wenn wir wieder in direkten Kontakt zueinander kommen werden? Wie werden wir uns, wie wird sich unser Zusammenleben verändert haben?

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! heißt es bei Jesaja 40, 26-31, dem für diesen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! ... ER gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Der Prophet Jesaja will sein Volk trösten. Er weiß: ihr Leben ist schwierig. Die Umstände, die sie aushalten müssen, erfordern Kraft, einen starken Willen, Geduld. Und er weiß: Geduld ist nicht die Stärke des Menschen, vor allem dann, wenn kein Ende der schweren Zeit in Sicht ist. Auch die Stärksten sind es irgendwann leid, sind irgendwann müde und werden mutlos. Immer wieder darum kämpfen, dass sie die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht verlieren, immer wieder sich daran erinnern, dass sie sich nicht gefangennehmen lassen müssen von den Einschränkungen und der Beengung ihres Lebens, weil GOTT ihnen doch SEINE Freiheit und SEINE Gerechtigkeit zusagt und schenkt – das kostet viel Kraft. Da ist der Glaube und das Vertrauen auf GOTT schon auf die Probe gestellt.

Jesaja will die Menschen trösten, nicht vertrösten. Er weiß, ja, er ist zuversichtlich und sicher: Es gibt eine Zukunft, die wird anders aussehen als die jetzige Gegenwart. Nicht irgendwann – jetzt schon macht GOTT die Menschen stark. Nicht irgendwann – jetzt schon schenkt ER ihnen Kraft und Mut, dass sie die Herausforderungen der Zeit meistern können.

Wir müssen noch warten, aber wir müssen dabei nicht mit gesenktem Kopf verharren und passiv bleiben. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wir dürfen müde werden, straucheln, seufzen, aber wir müssen nicht unsere Hoffnung aufgeben. All das, was wir jetzt erleben, werden wir mitnehmen als Erfahrungen, die für das Danach wertvoll sein können. Wir haben uns vielleicht mehr um Andere gekümmert als vor der Corona-Zeit. Wir haben andere Menschen und ihre Lebensumstände vielleicht genauer wahrgenommen als vorher. Und wir haben für uns vielleicht entdeckt, dass Anderes wichtiger geworden ist als wir vorher gedacht haben. Das alles können wir mitnehmen in die „Zeit nach Corona“, und das sollten wir auch tun! Und wir dürfen zuversichtlich sein, dass GOTT mit uns geht, jetzt durch diese Zeit, und in die Zeit, die kommen wird – mit all SEINER Kraft, mit SEINER Hilfe und SEINEM Schutz.

Wie die neugeborenen Kinder schreien nach der Milch, die sie nährt, so schreit in uns der Hunger nach dem Leben, das von dir kommt, GOTT.
Ich sehne mich nach dir, HERR, denn du kennst die Wünsche meines Herzens.
Wie ein Freund sein Ohr neigt über den Mund, der nur noch flüsternd stammeln kann,
so neigst du dein Ohr zu mir, wenn meinem Beten die Kraft und die Worte fehlen.
Du hast deine Nähe den Kindern versprochen, den Schwachen, die ganz auf Hilfe angewiesen sind.
Darum darf ich mitten in der Angst mit dir rechnen.
Wenn die Zukunft mich überfällt wie ein drohender Schatten, darf ich ausschauen nach deinem Licht.
Denn der Balken, der dir den Tod brachte, rettet mir das Leben.
Er wird mich tragen ans sichere Land, wo die Stürme dieser Welt keine Gewalt mehr über mich haben.
Wie die neugeborenen Kinder schreien nach der Milch, die sie nährt, so schreit in uns der Hunger nach dem Leben, das von dir kommt, GOTT.

Amen.

(Gebet nach Versen aus dem 116. Psalm und dem 1. Petrus-Brief 2,2)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Ostern

Ich lade Sie und Euch ein zu einer kleinen Oster-Andacht und bitte Sie: Stellen Sie eine Kerze auf den Tisch und zünden Sie diese an. – Ihre Osterkerze für dieses Osterfest. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit der Stille und der Ruhe. Und lassen Sie uns gemeinsam Ostern feiern.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

In diesem Ostergruß der ersten christlichen Gemeinden können wir den Jubel, die Freude und das Staunen hören: Unsere Hoffnung ist nicht vergebens. Gottes befreiende Botschaft von seiner Liebe zu den Menschen hat Gültigkeit – entgegen allem, was wir in dieser Welt erleben und erleiden.

Lassen Sie uns also Ostern feiern – im Namen des HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Wort und Treue hält und der nicht loslässt ein Werk seiner Hände. Amen.

Wir beten:
Herr, unser Gott, hier sind wir – jede und jeder für sich. Und doch miteinander verbunden – in Deinem Geist.
Jeder und jede am eigenen Tisch – und doch bei Dir, weil Du bei uns bist.
Wir legen alles vor Dich hin. Alle Sorgen und Freuden. Alle Ängste und Hoffnungen.
Wir wissen: Bei Dir ist es alles gut aufgehoben.
Wir bitten: Behüte uns. Und alle, um die wir uns Sorgen machen. Bleibe bei uns.

Amen.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Im ersten Moment haben wir gedacht:
Jetzt steht das Leben still. Nichts geht mehr.
Alles abgesagt.

Doch dann – die Entdeckung: das Leben geht weiter.
Anders – schwieriger – umständlicher – aber auch:
langsamer – aufmerksamer – vorsichtiger – umsichtiger.

Und dann – es ist Frühling.
Der Garten fängt an zu blühen.
Die ersten Hummeln kommen.
Die Vögel fangen an zu singen.
Das Leben blüht. Und singt.
Die Sonne schickt ihre ersten wärmenden Strahlen.
Ein Sinnbild der wärmenden Liebe Gottes.
Ein Bild für das Leben, das Er gibt.
Das Leben steht nicht still.
Vieles geht.
Ein gutes Wort, das uns die Freundin sagt.
Ein Telefonanruf: „Wie geht es dir?“
Ein Spaziergang in der Sonne.
Die Hoffnung, dass wir alles gut überstehen.

Und Gott -

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Gottes Herrlichkeit überstrahlt alles.
Ihr Licht erhellt alle Dunkelheit.
In Zeiten, in denen Hoffnung und Vertrauen schwierig sind, strahlt Gottes Herrlichkeit warm und hell.
In unsere Herzen, in unsere Seelen.
Wärme und Licht, das können wir mitnehmen – jetzt und in das Danach.
Vertrauen und Zuversicht in Gottes lebensbejahende Güte und Liebe – jetzt und alle Tage, die noch auf uns warten.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen

Gedanken zum Karfreitag

Wenn wir an die Kreuzigung Jesu denken, sehen wir auf dieses Ereignis immer von Ostern her. Wir wissen: Jesu Tod ist nicht unwidersprochen geblieben. Gott hat dem Tod nicht das letzte Wort überlassen. Gottes Wort ist das letzte Wort – und das heißt: Leben. Das Leben ist stärker als der Tod. Das ist für uns eigentlich unfassbar. Denn wir erleben anderes. Für uns hat der Tod etwas Endgültiges. Finsternis nennt Jesaja diese Erfahrung. Finsternis verhindert, dass wir das Leben sehen. Finsternis verdeckt alles, was uns zuversichtlich und hoffnungsfroh ins Leben gehen lässt. Und doch: erst im Dunkeln kann das Licht strahlen, das Licht Seiner Herrlichkeit, die uns leben lässt. Wir brauchen, um zu erkennen, wie stark diese frohe Botschaft vom Leben durch und mit Gott ist, gewissermaßen den Kontrast vom Dunklen ins Helle.

6. Sonntag in der Passionszeit - Palmsonntag

Was ist wichtig? Was ist jetzt dran?
Social distance – sagen die Politiker_innen, die Mediziner_innen. Abstand halten – sagen uns die Medien. Die Mundschutz-Debatten vermitteln uns: Mein Mitmensch ist vor allem ein Virenüberträger. Kontakte sind nur noch durch Telefon und Internet vermittelt möglich. Ist das jetzt dran? Die Vernunft sagt: Ja, das ist jetzt wichtig. Ich muss mich schützen, und ich muss den Anderen schützen. Das ist das Gute, das Beste, was ich für meine Mitmenschen tun kann. Das stimmt. Aber es bleibt so vieles auf der Strecke, je länger der Ausnahmezustand dauert, desto mehr. Die Einsamen vereinsamen noch mehr. Menschen bangen um ihren Lebensunterhalt. Kinder in prekären Familienverhältnissen sind in ihren schwierigen Situationen gefangen. Fälle seelischer und körperlicher Gewalt in Familien nehmen zu. Und nicht zuletzt: Trotz Telefon und Internet fehlt allmählich der persönliche Kontakt – physisch, verabredet oder spontan. Wir merken: Körperliche Nähe, quasi die barrierefreie Kommunikation ist wichtig, tut uns gut. Es war „vor Corona“ so selbstverständlich, dass wir das gar nicht so wahrgenommen haben – jetzt wird es uns zunehmend deutlich. Körperliche Nähe, direkte Kommunikation – davon erzählt die Geschichte, die für den Palmsonntag als Predigttext aus Markus, 14, 3-9 vorgeschlagen wird:

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige seiner Jünger unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als 300 Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird  in aller Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Die Geschichte beginnt mit einem Skandal. Jesus begibt sich in das Haus eines Aussätzigen, sitzt an seinem Tisch, isst mit ihm, sucht seine Nähe. Das verstößt gegen alle gesellschaftlichen und religiösen Regeln des damaligen Palästina. Wer sich auf die Seite der Ausgeschlossenen begibt, schließt sich selber aus. Dennoch bleibt Jesus dabei: Er gehört auf die Seite der Armen und Elenden, der „Unreinen“ und Ausgeschlossenen.
Und dann das: Eine Frau salbt Jesus mit einem sündhaft teuren Öl. Man hätte dieses Öl für viel Geld verkaufen können, meinen die Jünger. Was hätte man mit diesem Geld alles tun können, wie vielen Bedürftigen hätte man damit helfen können. Und diese Frau gießt ein solches Vermögen einfach über Jesu Kopf aus. Was für eine sinnlose Verschwendung!
Aber sie scheint genau zu wissen, was sie tut. Sie lässt sich nicht beirren. Diese besondere, persönliche und direkte Zuwendung soll ihn stärken für seinen schweren letzten Weg, der ihn an das Kreuz führen wird. Und Jesus selbst gibt der Salbung eine Deutung: Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Das ist seine Antwort auf das zugegebenermaßen vernünftige Argument der Jünger. Er sagt nicht, dass sie damit im Unrecht wären. Für die Armen dazusein, weil Gott gerade auf ihrer Seite steht, das hat er in seinen Predigten von den Menschen gefordert, das hat er selbst vorgelebt. Und von seinen Jüngern gefordert: Seht, was zu tun ist. Es ist zu tun, was jetzt wichtig ist.
Jesus misst dieser Frau eine große Bedeutung zu, sie soll ein Beispiel sein, für die Jünger, für alle, die sich in der Nachfolge Jesu verstehen, für uns: Gegen die Meinung anderer etwas zu tun, was der Ehre Jesu Christi und damit der Ehre Gottes dient – ohne große Worte, ohne schlechtes Gewissen, ohne spektakulären Einsatz; einen „Liebesdienst“ nur für Jesus allein zu leisten, weil sie glaubt, es sei jetzt als Zeugnis, als Bekenntnis wichtig; und vielleicht auch einfach, weil es ihrem Gefühl nach jetzt sein muss. Es muss eben nicht immer das vernünftige Argument sein, das das Tun und Bekennen begründet. Ihr möglicherweise wirklich unüberlegtes, verschwenderisches Bekenntnis gibt diese Frau voll und ganz im Vertrauen darauf, dass Jesus ihren Dienst versteht und gern annimmt. Amen.

Herr, unser Gott,
Weise uns deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit.
Erhalte unsere Herzen bei dem einen, dass wir deinen Namen ehren.
Wenn wir in dieser Zeit deines Leidens und Sterbens gedenken, so wollen wir auch an die Menschen denken, die heute leiden, im Vertrauen darauf, dass du auf ihrer Seite stehst, und wissend, dass du uns aufforderst, für sie einzustehen.
Wir bitten dich daher, hab Erbarmen mit allen, die leiden müssen: mit den Trauernden und Einsamen, mit den Kranken und Heimatlosen, mit den Gefangenen und Verzweifelten. Gib uns offene Augen und mach uns bereit zum Helfen, Heilen und Trösten.
Wir danken dir, Herr, unser Gott, von ganzem Herzen und ehren deinen Namen ewiglich. Amen

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

5. Sonntag in der Passionszeit: Judika – Schaffe mir Recht, Gott!

So beginnt der 43. Psalm.

Gott, schaffe mir Recht
und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
      Denn du bist der Gott meiner Stärke:
      Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich bedrängt?
      Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
      und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
      Was betrübst du dich, meine Seele,
      und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

 Ein Mensch in Bedrängnis – er fühlt sich unsicher, ausgeliefert, alleingelassen.
Wem kann er trauen? Auf wen kann er sich verlassen?
Das Misstrauen ist groß – falsche und böse Leute erzählen ihm dies und das; wem kann er glauben?
Im Gebet wendet er sich an Gott.
Denn er erinnert sich: Gott ist stark – gegen alles, was sich mir in meinem Leben entgegenstellt.
Gott ist meine Freude und Wonne.
Sein Licht und seine Wahrheit ist größer und stärker als alles trügerische Reden der Menschen.
Seine Wahrheit ist die Antwort auf alle Lüge und alles Unrecht dieser Welt.
Sein Licht ist die Antwort auf alle Not und allen Trübsinn.
Das Dunkle wird hell. Das Unrecht wird sichtbar. Gott sieht die Not.

Da ist sich der Betende sicher.
So kennt er seinen Gott.
So hat er ihn schon erlebt.
Er weiß: Er kann seinem Gott vertrauen. All seine Hoffnung auf ihn setzen, dass alles wieder gut wird.
Ein inneres Zwiegespräch – das kann ein Gebet auch sein:
Meine Seele, du bist unruhig, du bist betrübt – warum?
Es wird Gründe geben, warum die Seelennot so groß ist, die Traurigkeit, die Einsamkeit.
All die schwierigen Gedanken, alle Sorgen, alle Angst und Furcht -
alles können wir Gott sagen, auch wenn uns dafür vielleicht manchmal die Worte fehlen.
Wir können, ja, wir müssen alles aussprechen, wenn die Not uns nicht in die Hand nehmen soll. Aussprechen heißt: der erste Schritt, sich davon zu befreien.
Den Kopf wieder frei machen für Anderes, Schönes, Hoffnungsvolles.
Den Blick wieder heben können, in die Weite, nach vorne, ins Helle.
Gott wird helfen – da ist sich der Psalmbeter sicher.
Gott ist stark.
Meine Freude und Wonne.
Sein Licht und seine Wahrheit – seine Gerechtigkeit, sein Recht
ist größer als alles, was wir erleben, denken, sagen können.
Darin können wir uns bergen, wie in einem Haus Schutz finden.
Darin können wir zur Ruhe kommen, uns finden bei Ihm und dankbar Kraft schöpfen für alles, was uns begegnen wird.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.